Iris Völlnagel arbeitet als Journalistin beim MDR. Schon 2019 wurde ihr klar, dass ihr Vater Hilfe und Unterstützung braucht. „Meine beiden Brüder konnten das nicht leisten, also bin ich gependelt zwischen Sachsen und Baden-Württemberg. Denn Vater wollte unbedingt in seinem Haus wohnen bleiben. In 2022 kam dann die Diagnose Demenz. Pflegedienste und ganztägige Pflegekräfte hat er ausprobiert und erfolgreich verscheucht. Im Sommer 2024 – nach einer Zeit des stressigen Hin- und Herpendelns – habe ich entschieden, zu ihm zu ziehen – erst mal für zwei Monate. Daraus sind dann am Ende neun Monate geworden. Zum Glück konnte ich in meinem Beruf beim SWR ein paar Tage im Monat arbeiten.“
Wie hat sich die Situation mit deinem Vater verschärft?
Es gab zunehmend Situationen, in denen ich gemerkt habe, dass mein Vater nachlässt. Er war früher ein Mann, der in der Familie alles bestimmte und der beispielsweise nie ohne Haustürschlüssel fortging. Also hab ich mich drauf verlassen. Und dann standen wir eines Abends vor verschlossener Tür, weil er den Schlüssel vergessen hatte. „Kein Problem – ich zeigt dir mal wie ich das immer mache.“ Er holte eine Leiter und wollte den Balkon erklimmen, um ins Haus einzusteigen. Ein anderes Erlebnis war die Grabpflege: Er hatte sich immer um das Grab meiner Mutter gekümmert und irgendwann lag es einfach ziemlich brach da. Dann habe ich gesagt: „Komm, wir gehen zusammen zum Gärtner.“ „Nein, nein, das mache ich alleine“, sagte er und stand dann schließlich nur neben dem Grab, während ich gepflanzt habe.
Dabei war er immer derjenige, der gesagt hat, wo es langgeht im Leben. Er war durchaus dominant und es fiel ihm ganz schwer, beispielsweise nicht mehr Autofahren zu dürfen. So wurde es graduell immer schlechter mit ihm. Ich konnte relativ gut mit meinem Vater und fand es spannend, ihn zu begleiten. Es war sein größter Wunsch, zuhause bleiben zu können. Das wollte ich ihm ermöglichen. Mein Vater hat mich dann irgendwann voll umfänglich bevollmächtigt mit den Worten „Dir vertraue ich“.
Was würdest du heute anders machen?
Grundsätzlich braucht es die persönliche Entscheidung, ob man pflegen und begleiten will oder nicht. Ich würde mich früher ausführlicher informieren und es dann – sowohl gegenüber den Eltern als auch den Geschwistern – eher thematisieren, was es personell wie finanziell bedeutet. Denn Pflege kostet Geld, egal wer das leistet. Und wenn jemand den Job reduziert – wie in meinem Fall – sollte das finanziell ausgeglichen werden. Dinge wie Patientenverfügung, Vollmachten und Erbschaft müssen geregelt sein, damit das im Nachhinein nicht zu Schwierigkeiten und Streitpunkten in der Familie führt.
Welche Hilfen hast du dir geholt?
Hilfe holen kann ich jedem dringend empfehlen. Es gibt viele Hilfsmöglichkeiten für pflegende Angehörige, auch Online-Kurse für bestimmte Krankheitsbilder wie Demenz, um die Krankheit besser zu verstehen und psychologische Unterstützung. Ich habe auch Freunde, die in dem Bereich arbeiten, um Rat gefragt und die Begleitung durch eine Hospizeinrichtung in Anspruch genommen. Dabei bin ich Gott megadankbar für eine gläubige Frau, die meinen Vater begleitet hat und die ich immer fragen konnte.
Wie hast du die Pflegezeit persönlich überstanden?
Dabei war mir die Selfcare wichtig: regelmäßig Spazierengehen und den Teilzeitjob weitermachen, damit ich ein eigenes Leben behalte. Die Verbindung zu Freunden ist wichtig, um auf andere Gedanken zu kommen. Denn Pflege geht nur, wenn man sich selber auch pflegt.
Wie ist deine Verbindung zu Solo&Co?
Vor 11 Jahren war ich auf einer Solo&Co-Freizeit und da wurden Fragen gestellt wie: Wer kümmert sich eigentlich um dich, wenn du krank bist? Gibt's da jemand, der Zugang zu meiner Wohnung hat? Gibt's jemand, der die Post nachsendet? Weiß jemand, was mir wichtig ist? Kennt jemand das Passwort von meinem Computer? Damals mit Mitte 40 hab ich gedacht, das ist noch sooo weit weg. Heute sag ich, du kannst nicht früh genug damit anfangen, dich auf diese Situationen vorzubereiten.
Walter Lutz











