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Es ist wichtig, einander zu begleiten

von Walter Lutz | 23. Sep. 2026 | Allgemein

„Ist deine Familie auch hier?“ werde ich immer wieder gefragt, und manche schauen erstaunt, wenn ich sage, dass ich hier keine Familie habe. „Und deine Familie in Deutschland?“ Nein, ich habe keine Geschwister und keine Kinder (obwohl verheiratet gewesen…), und meine Eltern leben schon länger nicht mehr. Dann sind viele noch erstaunter. So ganz ohne Familie, und im fremden Land?!

Je nach Kultur ist ja die Idee einer alleinstehenden Person (und vor allem einer alleinstehenden Frau) etwas, das es gar nicht gibt. Die unverheiratete Frau lebt mit den Eltern und später mit Geschwistern, aber nicht allein. Uruguay ist von der Kultur her eher europäisch, und so gibt es hier schon alleinstehende Frauen. Auch sehr viel alleinerziehende Mütter, aber das ist ein anderes Thema.

Trotzdem ist es für viele erstaunlich, dass ich allein in einem fremden Land lebe. Vor allem ältere Frauen leben oft allein, da der Partner verstorben ist. Aber es gibt eigentlich immer eine Familie im Hintergrund, die zu Besuch kommt und sich um Verschiedenes kümmert. Die Familie spielt eine wichtige Rolle, sie steht in der Prioritätenliste ganz oben.

Es wird erwartet, dass man sich hilft. So muss, wenn jemand im Krankenhaus ist, immer jemand bei der Person sein, um z.B. beim Duschen helfen, zur Toilette begleiten, Essen anreichen, lagern… Das macht oft die Familie. Man kann sich auch in einer Agentur einschreiben und monatlich zahlen, wenn nötig, schicken sie dann Personal. Das mache ich zum Beispiel. Bisher habe ich es – Gott sei Dank – noch nicht gebraucht.

Aber das Leben besteht ja nicht nur aus Notfällen… es ist ein Grundbedürfnis des Menschen, Kontakte zu haben, Gemeinschaft, Austausch, ja, und auch Unterstützung, wenn nötig. Und da hatte Gott eine Idee: die Gemeinde! Ich bin hier in einer Gemeinde-Gründungsarbeit, die Gemeinde ist noch klein… aber gerade deshalb kennt man sich und ist verbunden. Es ist schön, die Geschwister zu sehen, sich besser kennen zu lernen, voneinander lernen, sich zu begleiten. Ich durfte durch Geschwister der Gemeinde nicht nur viel über die Kultur hier lernen, sondern wurde auch ein Stück Teil der Familie, es entstanden Freundschaften. Ja, ich lebe allein, aber ich bin nicht allein, ich darf Freude und Leid teilen und Hilfe für andere sein.

Begleitung im wörtlichen Sinn ist hier übrigens ebenfalls wichtig. Ich bin von klein auf gewöhnt, allein unterwegs zu sein und zum Beispiel Termine wahrzunehmen. Aber hier ist es wichtig, einander zu begleiten, viele sind nicht gerne allein unterwegs. So konnte ich auch schon jemanden mehrmals nach Montevideo zu Arzt- und Untersuchungsterminen begleiten, und es war eine gute Zeit der Gemeinschaft.

Hilfe und Begleitung ist hier auch sehr oft praktisch. Die Gegend ist ländlich, die meisten wohnen in einem Haus mit Grundstück, und da gibt es immer etwas zu tun und zu reparieren. Rasenmähen kann ich inzwischen, aber vieles andere nicht. Letztes Jahr bin ich in ein eigenes Haus gezogen, und ich bin dankbar für alle Hilfe, die ich von Geschwistern der Gemeinde bekommen habe. Natürlich gibt es professionelle Hilfe z.B. für Elektro- und Sanitärinstallation, aber Dinge wie den Garten säubern oder Sperrmüll entsorgen gehen eher mit privater Hilfe. Nach einem Jahr bin ich schon viel weiter, als ich am Anfang gedacht habe, und nein, ich muss das alles nicht allein bewältigen!

Familie im Sinne von Blutsverwandtschaft habe ich nicht, aber ich darf Teil der Familie des Glaubens sein, und dafür bin ich dankbar!

Merve Doorentz-Hundsdörffer