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Ein Single im Pfarramt

von Walter Lutz | 26. Feb. 2020 | Allgemein

Wo macht es konkret einen Unterschied, wenn man als Single in diesem Dienst ist? Was wäre als Ehepaar einfacher? Und: Wo ist es ein Vorteil ist, weder Partner noch Familie zu haben?

Vielleicht wäre ich nicht allein dafür zuständig, dass im Kühlschrank was zu essen ist. 😉 Tatsächlich nimmt der Pfarrberuf viel Raum und Zeit ein, Beruf- und Privatleben sind sehr vermischt. Für diese Arbeit kann das Allein­leben Fluch und Segen zugleich sein: Freilich habe ich als Single mehr Zeit, um sie dem Beruf zu widmen. Gleichzeitig holt einen niemand auch mal weg vom Schreibtisch oder aus den Gedanken. Ich bin fasziniert von Kolleg*innen, die den Pfarrberuf als so erfüllend empfinden, dass er für sie sogar Partnerschaften ersetzen kann. Doch sehe ich auch eine Gefahr: Es kann verlockend sein, einfach weiterzuarbeiten, weil ja niemand auf einen wartet.

Wann spüren Sie am deutlichsten, dass Sie Solistin sind und wünschen es sich anders?

Gerne würde ich die Wochenenden nutzen für Unternehmungen, das verträgt sich aber wenig mit Konfirmandensamstagen und Sonntagsgottesdiensten. An meinem freien Mittwoch haben die wenigsten der privaten Kontakte Zeit, also verbringe ich auch den alleine. Ich liebe es zu reisen. Manchmal wünsche ich mir, die Reiseeindrücke teilen zu können. Ich habe einen tollen Freundeskreis, mit dem ich z.T. auch Urlaub mache. Allerdings braucht das viel Organisation und Nachfragen – das wünsche ich mir manchmal anders.

Sind Sie im Austausch mit anderen PfarrerInnen, formell oder informell, die auch allein leben? Spinnen Sie da gemeinsam an einer Vision?

Wenn, dann informell im Freundeskreis. Das ist aber nie vordergründig Thema. Trotzdem finde ich es spannend über Lebensformen unkonventionell nachzudenken. Ich finde nicht, dass die Ehe oder klassische Familie die einzige Form ist, in der Menschen leben können/müssen. Ich habe sehr gerne in Wohngemein­schaften gelebt und könnte mir das auch als Mehrgenerationen-Wohnform im Alter vorstellen.

Nimmt die Gemeinde wahr, dass Sie Single sind?

Tatsächlich ist das sehr selten überhaupt ein Thema. Die Gemeinde ist da sehr zurückhaltend und freut sich einfach über meinen Dienst. Nichtsdestotrotz gab es bei der Vergabe einer anderen Pfarrstelle den klaren Wunsch: Da soll schon eine Familie ins Pfarrhaus ziehen. Das ergab bei mir dann doch einen Nebengeschmack. Eher höre ich bei Kolleg*innen heraus, dass sie ganz selbstverständlich von der Pfarrfamilie ausgehen.

Kam das Thema „Leben als Single“ irgendwo in der theologischen Ausbildung vor? Sowohl was die Seelsorge für Singles angeht als auch die Herausforderung, als Single im Pfarrdienst zu stehen …

Überhaupt gar nicht! Weder im Studium noch im Vikariat, der praktischen Ausbildung. Danach werden die ersten Stellen den Pfarrer*innen z.A. (zur Anstellung) zugeteilt. Eigene Bedürfnisse und Wünsche werden bei der Stellenvergabe meist nur als Sozialpunkte berücksichtigt (ähnlich wie bei Lehrer*innen). Wer da keinen Arbeitsplatz des Partners oder einen Kitaplatz als Kriterien angeben kann, wird hingeschickt, wo es nötig ist. Diese Abhängigkeit war für mich bisher die schwierigste Phase als Single.

Wie könnte das „Leben als Single“ einen Platz in der Ausbildung finden?

Allein dadurch schon, dass es thematisiert wird. Sowohl als Praxisbeispiele in der Ausbildung, als auch bezüglich der Lebenswirklichkeit im Berufsleben. Ich wünsche mir, dass Inklusion immer weiter selbst­verständlich wird. Zu einem inklusiven Gesellschaftsbild gehört auch, dass es verschiedene Lebensformen gibt – bei Gemeindegliedern wie bei  Hauptamtlichen.

Was könnte helfen, damit Singles sich besser in der Gemeinde aufgehoben fühlen?

Wenn Gemeinden Weitblick und eine einladende Haltung zeigen. Es ist normal, verschieden zu sein – diese Haltung ist für mich eine Form von Inklusion. Dazu zählen eben nicht nur die Rollstuhlrampe, sondern auch eine Sprache, die sensibel ist für unterschiedliche Lebenswirklichkeiten, und Angebote, die diese Unterschied­lichkeit berücksichtigen. Vielleicht kommt ein gemeinsames Essen nach dem Gottesdienst oder ein Wanderwochenende den Bedürfnissen von Singles entgegen?

Haben Sie die Singles in Ihrer Gemeinde stärker im Blick als Pfarrer*innen mit Partnerschaft/Ehe? Wenn ja, woran merken Sie das?

Ich hoffe es! Ich merke es daran, dass ich im Leitungsgremium der Gemeinde immer wieder kritisch anmerke, nicht nur aus der Familienperspektive zu denken. Nicht jede*r hat Lust, an Ostern zum Familiengottesdienst zu kommen oder möchte als Single mit auf Gemeinde­freizeit fahren. Auch bei Trauungen ist es mir wichtig, auf meine Sprache zu achten. Ich möchte, bei allem Segenszuspruch fürs Paar, die Ehe nicht absolut setzen. In den Fürbitten möchte ich auch an alle ohne Partner*in denken, ohne das zu werten oder gleich als „einsam“ abzustempeln.

Wie sieht Ihre Selbstfürsorge aus, um gut mit der Situation klarzukommen?

Ich habe tatsächlich kapiert, dass ich selbst die Wahl habe, wie ich meine Lebenszeit wahrnehmen möchte: entweder ich fühle mich defizitär, weil ich alleine bin, oder ich genieße das Leben und tu das, was mir Spaß macht – zumindest in der wenigen Freizeit, die im Pfarramt so bleibt. 😉

Bild: Guntar Feldmann