Von freundlicher Distanziertheit zu Vertrautheit | Uta

Kategorie: Compass


Der Journalist Dominik Klenk, eng verbunden mit der Offensive Junger Christen, schreibt in seinem Vorwort: „Theologisch klug und biografisch authentisch führt das Buch seine Leser in einen heilige Unruhe.“ Damit deutet der Leiter des Fontis-Verlags schon an, dass das Buch „Vertrautheit wagen!“ eine Herausforderung ist. Ed Shaw ist nämlich Pastor der Emmanuel City Church in Bristol/England, fühlt sich zu Männern hingezogen und wünscht sich eine Veränderung hin zur Heterosexualität. Nachdem sich diese nicht entwickelt, entscheidet er sich, sexuell enthaltsam zu leben.

Ein zölibatäres Leben ist heute selbst für viele Christen nicht mehr nachvollziehbar. Shaw entfaltet deshalb in zwölf Kapiteln seine Sicht dieses „Plausibilitätsproblems“.  „Wir müssen das, was die Bibel klar verlangt, einfach wieder plausibel machen. Wir müssen uns erinnern …, dass Jesus Folgendes zu uns allen sagt: ‚Ich bringe Leben – und dies im Überfluss.‘ Johannes 10,10; HfA.“ Von diesem Satz ausgehend, widerlegt er neun Fehlannahmen, die sich auch bei Christen breit gemacht hätten: „Deine Identität ist deine Sexualität. … Wenn es dich glücklich macht, muss es richtig sein. … Der Zölibat tut dir nicht gut und muss vermieden werden …“  Konsequent am Wort Gottes orientiert, entwickelt Shaw wesentliche Aspekte zu Themen wie Identität aus der Beziehung mit Christus, Gemeinde Jesu als familiäre Gemeinschaft, Intimität in Freundschaften und das Single-Leben als Gabe.

Dabei spricht er offen(siv) an, dass die christlichen Gemeinden weithin hilflos sind in der Begegnung mit Alleinstehenden. „Wenn unsere Gemeinden genauso viel Zeit und Energie darauf verwenden würden, gute Freundschaften zu fördern und nicht nur gute Ehen, wäre das Leben für Menschen wie mich viel einfacher“, konstatiert der Autor in Kapitel sieben. Intimität sei nicht nur in einer sexuellen Beziehung erlebbar.

Das Buch besticht durch Tiefe und gleichzeitig Weite der Gedankenführung. Ed Shaw erlebt die Fülle des Lebens auch in seiner Liebe zu Gott und seinem Wort. Mitten in der Ernsthaftigkeit des Schreibens blitzt auch immer wieder sein Humor auf. Er beleuchtet die Thematik gründlich aus verschiedenen Blickwinkeln und überrascht Leser mit tiefgründigen Aussagen: „Meine Sexualität hat mir erlaubt, die unglaubliche Kraft der sexuellen Sprache zu verstehen und wertzuschätzen, die Gott dort [Hesekiel 16] und andernorts verwendet, um das leidenschaftliche Wesen seiner Liebe zu Menschen wie mir zu vermitteln. Meine Sexualität vermag nicht, mich in eine liebevolle Ehe zu führen, aber sie führt mich stetig in eine größere Wertschätzung der Liebe Gottes zu mir in Christus.“ Viele Kapitel enden mit weiterführenden Anwendungsfragen, die den Austausch mit anderen anregen können.

Das Buch kann Christen und Gemeinden helfen, über Tabuthemen ins Gespräch zu kommen. Der Untertitel „Und wie die Kirche sexuelle Vielfalt biblisch integrieren kann“ könnte ergänzt werden mit:  und ehelos lebende Menschen. Das Leben als Single erschöpft sich eben nicht im Warten! Ich empfehle die Lektüre wärmstens! Leseprobe

Vertrautheit wagen! Gemeindebau hautnah. Und wie die Kirche sexuelle Vielfalt biblisch integrieren kann. Fontis-Verlag, Basel 2018, 192 Seiten, 14 Euro.