Erkenntnisse aus einem Segeltörn

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Sieben Singles, zwei männlich, plus Claudia, die das Ganze initiiert hatte, waren mit Skipperin über das verlängerte Himmelfahrts-Wochenende zusammen auf dem Ijsselmeer unterwegs.

Katalina, 50, war als Jugendliche mal auf einer Jolle auf dem Wörthersee herumgeschippert, das war ihre Segelerfahrung. Das Aroma von Freiheit, viel Freiheit erinnert sie noch genau. Ihre Vorstellung sei gewesen: Entspannen und viel lachen, auf Deck sitzen, ab und an was tun, und eine Art Karibikfeeling genießen. Im Grunde wusste sie also nicht genau, was sie da erwartete.

So eng hatte sie sich das Schiff schon mal nicht vorgestellt. Alle, bis auf die Skipperin, mussten in 2er-Kajüten zusammenrücken. Es gab zwei winzige Toiletten, in die man sich mehr hineinfalten als bequem Platz nehmen konnte. Seekrank in einer engen Kajüte zu schlafen, brachte nicht nur Katalina an den Rand. Eine zog eine Bank an Deck dem Kajütenbett vor, eine schlief in der Kombüse. Erst am dritten Tag hatten sich alle an den Wellengang gewöhnt – und an die Schlafverhältnisse.

Die Skipperin erklärte die Verhaltensregeln an Bord beim An- und Ablegen. Das Schiff musste über Taue an den Liegeplatz manövriert werden, was den einen leichter fiel als den anderen. Auch Auffassungsgaben sind ungleich verteilt. Die Knoten richtig zu knüpfen erwies sich als schwerer als gedacht. Ein Segelneuling entpuppte sich geradezu als Naturtalent. Da die Skipperin ganz klare Ansagen machte und die Entscheidungen traf, blieb wenig Spielraum für Diskussionen in der Gruppe oder gar Konflikte, erinnert sich Katalina. Der begabte Segellehrling setzte sich am letzten Abend damit durch – gegen die Überzeugung der Skipperin –, das von Anfang an verkantete Hauptsegel zu setzen. Und siehe da, es gelang. „Wir waren herausgefordert, unsere Position zu beziehen“, sagt Katalina rückblickend. Bei einem längeren Törn hätten Meinungsverschiedenheiten wohl auch mal ausgetragen werden müssen. Die Pflichten an Bord wurden ohne jede Anstrengung oder Einteilung einfach erledigt: „Das hat sich super ergeben.“

Ein „Super-Küchenteam“, aus Claudia und anderen Nordlichtern, kümmerte sich um Einkauf und Kochen. „Eigentlich brauche ich mittags was Warmes“, so Katalina, aber das Kochen war für den Abend vorgesehen. „Ich hab länger überlegt, ob ich da was sagen kann. Aber dann hab ich die Küchen-Crew einfach gebeten, Tütensuppen zu kaufen. Nach einem Tag, an dem fast alle seekrank waren, gab´s dann die Suppe, auch wenn für später noch ein gemeinsames Abendessen geplant war. Es war echt wichtig, zu meinem Bedürfnis zu stehen. Da hat sich in mir etwas umgelegt. Ich hab gemerkt: Wenn’s eng wird in mir, muss und kann ich was sagen, und dann verändert sich auch was. Ich bin nicht hilflos. Und es war gut zu merken: Es ist vollkommen ok, dass ich meine Bedürfnisse äußere.“

Katalina empfand als größte Herausforderung, sich zu entspannen und loszulassen. „Ich habe keine Camping-Erfahrung und bin ein Hotel-Mensch. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich daran gewöhnt hatte, dass ich nur an der Marina duschen und richtig aufs Klo gehen kann. Vielleicht bin ich verwöhnt, aber das war für mich einfach ungewohnt. Aber ich hab mit der Zeit auch gemerkt: Es geht auch anders. Du kannst dich beherrschen. Und am Hafen waren die sanitären Anlagen total sauber, und die Holländer sind sowieso tiefenentspannt. Ich musste lernen abzuwarten. Ich wusste nicht, wann wir heute ankommen? Ich wusste nicht, wann es Abendessen gibt. Manchmal überlegte ich auch: Werde ich hier gesehen? Und dann wurde mir klar: Das ist jetzt hier nicht das Thema.“

Einmal mussten alle drei Stunden länger an Bord bleiben als geplant, weil die angesteuerte Marina überfüllt war und das Schiff zurücktuckern musste. Ungeduld und Hunger machten zu schaffen. Dann geriet auch noch das Anlegemanöver sehr anstrengend. „Wenn ich jetzt nicht sagen kann, wie’s mir geht,“ dachte Katalina, „kostet mich das viel Energie. In dem Moment hätte ich mir einen Austausch mit den anderen gewünscht.“ Doch als dann alle durch ein pittoreskes Städtchen bummeln konnten und ein richtig gutes Abendessen bekamen, war alles wieder im Lot.

Ein Single ist es gewohnt, machen zu können, was ihm gerade in den Sinn kommt – jedenfalls in seiner Freizeit. An Bord  ist man auf eine Weise fremdbestimmt, wie sonst Eltern durch Kinder. Ein Törn übt Flexibilität, geht mir durch den Kopf.

Was hast du denn mitgenommen außer frischer Luft und Sonne, frage ich sie. „Dass ich’s wieder mache, auch wenn’s länger geht. Ich möchte meine Hotel-Standards bisschen abbauen. Ich möchte nochmal nach Holland. Ich war so erleichtert, dass diese Gruppe einfach gut war. Es hätte auch ganz anders kommen können. Es war genau die richtige Herausforderung für mich. Und ich hatte mir gewünscht, mit Solo&Co Gemeinschaft zu erleben.“  Das klingt nach Stolz? „Ja, genau, ja. Die Grenzerfahrung war viel größer als ich vorher gedacht hatte, aber ich hab’s gemeistert und das hat mir gut getan!“

Hat sich deine Vorstellung, wie Gemeinschaft funktionieren kann, irgendwie verändert?, will ich von ihr wissen. „Diese Tage haben uns alle zusammengeschweißt. Da war diese Enge, dieses Du-machst-immer-was-zusammen und andererseits konnte man auch mal nur was für sich tun – so WG-mäßig. Ich hab gespürt, ich kann mich rausnehmen und gehör doch dazu.“

Im Blick auf deine eigene Sehnsucht nach mehr Gemeinschaft – was hat sich für dich beim Törn herauskristallisiert? „Ich kann die Komponenten, die bei einem Segeltörn zusammenkommen, nicht in einen anderen Kontext 1:1 übertragen. Ich kann das auch nicht einfach machen, ich muss dafür Gemeinschaft suchen. Da weiß ich nicht noch nicht richtig, wo. Aber ich hab gleich ein paar Tage später zum Open House eingeladen. Vor dem Törn wollte ich keine Initiative ergreifen, aber nach dem Konzept des Open House musste ich gar nichts tun, nichts planen, keine Gastgeberin sein, was mich immer stresst. Das überzeugt mich. Ich habe im Vorfeld nur die zeitlichen Grenzen abgesteckt, und das tat mir sehr gut. Das mache ich wieder.“

Weißt du jetzt, was es braucht, damit du mit jemandem Gemeinschaft wagen kannst? „Ich hab gemerkt, es braucht einen gewissen Grad an Reife und eine gesunde Selbstreflexion. Und die Befindlichkeit darf nicht immer an erster Stelle sehen, da muss ich mich auch an der Nase fassen. Und dass ich sagen kann, was ich jetzt brauche. Damit der andere keine unausgesprochenen Erwartungen erfüllen muss. Ein gemeinsames Maß an Ordnung und Sauberkeit ist wichtig, da gibt es Unterschiede in die eine wie in die andere Richtung.“

Am Ende des Gesprächs fügt sie noch an: „Interessant war auch noch eine andere Erfahrung. Ich brauche viel Schlaf, wenn ich den nicht bekomme, dann bin ich nicht mehr tiefenentspannt. Auf dem Schiff hat mir Schlaf gefehlt, aber es hat mir nichts ausgemacht.“ Warum? „Ich hab mich sicher gefühlt.“ Woher kam die Sicherheit? „Es gab einen Rahmen, der mir gut tat: die Städtchen, die Natur, das Segeln. Auch wenn das Relaxen an Deck nicht so karibikmäßig war wie vorgestellt. Das ganze Setting passte einfach zu dem, was ich mir gewünscht hatte.“

Manches, von dem man vorher denkt, das geht gar nicht, geht dann offenbar doch. Im nächsten Jahr wird wieder gesegelt … Bist du dabei?

Bild: privat