Was macht eigentlich Tina Tschage? | Patricia

Kategorie: Coaching


Tina, du warst mit Corona zehn Tage lang richtig krank und mehrere Wochen in Quarantäne. Wenn jemand die Isolierung kaum mehr aushalten kann, hast du da einen Tipp?

Ich kann das total verstehen. Da muss man versuchen, sich selbst was Gutes zu tun und sich zu spüren. Also mit Sport, mit ner heißen Badewanne oder so banal es klingt: großen Teddybär umar­men oder ein fettes Kissen. Es hilft, wenn ich mich an etwas festhalten kann. Ich habe auch von Sing­les gehört, die quasi auf Zeit mit anderen zusammengezogen sind. Das finde ich eine schlaue Lösung.

Sowas kann einem ja notfalls selbst einfallen, aber wann wäre ein Coach wie du hilfreich?

Das Problem ist ja nicht, dass wir nicht wüssten, wie die Dinge gehen. Ja, ich kann googeln und krieg‘ da tausend Tipps. Trotzdem wissen wir nicht, wie wir es anpacken können. Ich bin als Coach ein Weg­begleiter und Ideengeber, vor allem auch ein Anschubser, Mutmacher und Kraftquelle. Jemand, der hilft, dranzubleiben, an sich selbst zu glauben und ans Ziel und Dinge auch zu machen. Es hilft, wenn da jemand ist, vor dem man Rechenschaft ablegen muss.

Es hilft auch, mit einem anderen Dinge anzusprechen und die eigene Situation zu reflektieren. Das fehlt Menschen, die überwiegend allein leben, am meisten: Ein Gegenüber, mit dem ich Situationen durchkauen kann. Als Coach bin ich Zuhörer, stelle die richtigen Fragen. Wie bist du denn sonst mit so einer Situation umgegangen? Wie kanntest du dich früher als Kind? Wo hast du dich aufgehoben gefühlt? Im Gespräch wird vielen schon klarer, wo der Weg weitergeht. Solche Coaching-Prozesse sind immer ganz individuell und persönlich. Ich will den Menschen zu sich selbst führen und zu seinen eigenen Ressourcen, damit er oder sie die findet und nutzen kann.

Kriegen Klienten von dir sowas wie Hausaufgaben?

Natürlich gibt es eine Art Hausaufgaben, falls der Klient an etwas arbeiten will. Das ist die Grundan­nahme in einem Prozess: Wenn ich was erreichen will, dann muss ich einfach auch Wegmarken abarbeiten.

Wenn ich unglücklich bin, weil ich schon lange Single bin, dann macht sich Resignation breit. Wie kannst du da Hoffnung vermitteln? Eine Garantie kannst du doch nicht geben …

Am Anfang steht immer eine Zielbestimmung: Wo willst du hin? Das muss nicht in Stein gemeißelt sein. Oftmals verschiebt sich das oder ändert sich im Prozess. Es könnte sich dann auch entwickeln, sich mit anderen Menschen enger zusammen zu tun als bisher. Dann schaut man einfach gemeinsam, wie kommst du zu deinem Ziel? Und dann geht man Schritt für Schritt. Nein, Garantien gibt’s nicht. Aber ich kann helfen, zu gucken, woran es liegen könnte, dass das nicht klappt? Sind da Ängste, Sorgen oder kein Selbstbewusstsein. Hast du Angst auf Männer zuzugehen oder auch Frauen?

Du bist selbst auch Single. Kennst du die Verzweiflung, wenn der Traum von Ehe und Familie unerreichbar scheint?

Ich kenne die Angst, die tickende Uhr und diese Trauer von anderen sehr intensiv. Wenn ich mit meinen Patenkindern zusammen bin, dann denke ich, Mama sein ist schon auch was Schönes. Wäre auch cool, wenn es meine wären. Dennoch ist die Trauer bei mir selbst nicht so intensiv. Ich frage mich immer, ob das noch kommt ... Ich glaube fast nicht, aber ausschließen kann ich es nicht. Das ist definitiv was, was man sehr ernst nehmen darf und was gesehen werden will. Es ist auch nicht nur bei Frauen so, auch Männer trauern. Ich will jedenfalls nicht mit Mitte oder Ende 40 noch Mutter werden, selbst wenn der Partner dann noch kommt. Diese Zeit ist dann vorbei. Die Frage ist: Was bleibt von mir? Es ist sehr schlau, sich früh damit zu beschäftigen und zu gucken: Was macht mein Leben reich, welche Frucht trägt es?

Ist fruchtbar werden denn eine Frage von Elternschaft?

Nein, überhaupt nicht. Also rein biblisch überhaupt gar nicht und für mich auch nicht. Aber gesellschaftlich ist es das schon noch. Es ist so wertvoll zu entdecken, was noch alles dazugehört. Von mir erscheint dieses Jahr ein drittes eigenes Buch, mein drittes Baby sozusagen. Das werden wir feiern, das bleibt von mir. Ich habe beschlossen, die beste Patentante der Welt zu sein und will so viel Zeit mit diesen beiden Mädchen verbringen wie irgendwie möglich. Ich kann den besten Job ma­chen, weil ich die Zeit habe und Überstunden machen kann. Single zu sein hat neben vielen Nach­teilen auch viele Vorteile. Und wenn wir den Mut haben, dafür den Blick zu öffnen, dann gibt's echt ne Menge Wundervolles auch im Singlesein zu entdecken.

Begegnen dir bei Klienten Sätze wie Ich finde keinen Mann, weil ich zu dick oder nicht hübsch genug bin. Kannst du dabei helfen, solche negativen Selbstbilder loszulassen?

Als allererstes gilt es, die aufzudecken. Was sind die Sätze meines Lebens und wie prägen die mich? Es gibt ja Sätze, die mich beflügeln. Und es gibt Sätze, die mich lähmen. Die sind erstmal zu identi­fizieren. Die Wahrheiten und die Lügen meines Lebens sind zu entdecken. Oft merken wir gar nicht, wie uns das belastet. Dem muss man dann die Wahrheit entgegensetzen. Also biblische Wahrheit, aber auch die persönliche Wahrheit: Ja, ich bin Tina und bin toll und habe Riesenbrüste. Das ist nicht immer schön, aber gehört zu mir. Es war ein Teil meiner Aufgabe, auch das lieben und schätzen zu lernen. Das gilt für körperliche genauso wie für Persönlichkeitsmerkmale.

Du hast darüber auch einen Beitrag für ein Buch geschrieben, das heißt: Schön ohne aber. Da geht es um die Frage, wie wir von Körperhass zu Körperliebe finden …

Das Thema kommt in der Beratung tatsächlich sehr oft vor. Wenn ich meinen Körper hasse oder Teile davon ablehne, dann werde ich nie glücklich werden können – auch und gerade in Beziehung und Partner­schaft. Wenn ich den Körper und auch meine Persönlichkeitsanteile ausgrenze, dann habe ich keine Chance. Wie kann mich der andere lieben, wenn ich mich selbst ablehne? Wie soll ich in Rich­tung Sexualität, Nähe und Intimität gehen, wenn ich mich selbst nicht berühren, anfassen, sehen kann?

Ist das eigentlich nur ein Frauen-Ding, dieses Ich-bin-nicht-schön-genug?

Es gibt immer mehr Männer, die darunter leiden, aber ein bisschen in einer anderen Art und Weise. Immer mehr Männer leiden an Essstörungen. Dieser Körper- und Optimierungswahn ist bei Männern und Frauen ähnlich. Bei Männern geht es allerdings mehr um Macht und Demonstration, und bei Frauen hat es viel mit einem ganz, ganz tiefen Gefühl zu tun. Das macht es aus meiner Sicht ein bisschen tragischer und schwieriger. Für Männer geht’s ums Geilsein, der tollste sein. Das ist ein Thema unter Männern, auch die Länge ihres Penis und was sie damit leisten können. Ich zeige, was ich habe, und das muss toll sein. Und bei Frauen geht das Nichtgenügen viel tiefer und intimer.

Hast du eine Exit-Strategie gegen das Arbeiten-Essen-Schlafen-Syndrom von Singles?

Das ist sogar eines meiner Lieblingsthemen, das Achtsamkeits-Training. Es gibt eine Menge Leute, die hangeln sich zu ihrem Jahresurlaub und meinen dann, dass sie in drei Wochen auftanken für die nächste Etappe von elf Monaten. Das funktioniert nicht. Was wir brauchen, sind tägliche Rituale. Wir brauchen diese vielen kleinen Punkte, an denen wir uns erden und in denen wir auftanken. Das ist hoch individuell, die einen tanken auf mit anderen in der Kneipe oder im Hauskreis. Die anderen tanken auf, indem sie allein spazieren gehen oder Serien gucken. Ich muss achtsam werden für das, was mir Energie gibt. Das kann ein ganzer Tag in der Therme sein oder ein Tagesausflug bis hin zu: Wie mache ich eigentlich Urlaub und mit wem? Und: wie schaffe ich es das Thema Bewegung/Sport in meinen Alltag einzubauen. Wenn man nicht sowieso der sportliche Typ ist, dann denkt man ja immer, dafür habe ich keine Zeit. Im Coaching helfe ich Leuten auch dabei, ihre Ausreden zu bekämpfen wie: ich habe da keine Zeit, ich komme da nicht dazu. Ich helfe dabei, die Schweinehunde wegzujagen.

Coaching ist keine Kassenleistung. Was kostet dein Coaching?

Ich muss leben und bin steuerpflichtig und dieses ganze Drumherum. Aber mir ist wichtig, Leuten zu dienen. Und wenn ich das tun kann, dann habe ich mich bisher immer mit den Klienten geeinigt. Die Dauer, der Aufwand hängt ja auch von der Fragestellung ab. Es gibt Klienten, mit denen rede ich dreimal, und ich habe andere, die betreue ich jahrelang. Man kann absprechen, was möglich ist. Es gibt auch Themen, die man in einer kürzeren Zeit bearbeiten kann.

Ich muss mich fragen: will ich und habe ich den Mut und auch die Kraft, mich mit mir selbst zu be­schäf­tigen. Wo ich merke, beim Klienten sind so viele Mauern, dann sage ich auch ganz offen, das ist rausgeschmissenes Geld. Wenn ich die Zuversicht habe, durch’s Coaching wachsen und fähiger werden zu können in ganz bestimmten Bereichen meines Lebens, dann lohnt sich das immer. Mit einem Coaching- Prozess investiere ich in mich selbst, das lohnt immer.

Siehst du in Corona eine Chance für uns?

Ich kann wirklich in jeder Situation, die noch so beschissen ist, Perlen entdecken. Und die Frage ist, ob ich dafür die Augen offen habe oder nicht. Ich wünsche Leuten, dass sie die Augen öffnen. Das Leben feiern – die großen Sachen und die kleinen Sachen. Das ist grad mein Thema. Mein neues Buch handelt auch davon. Da ist ein Kapitel drin zum Feiern in Krankheit. Aber es gilt in jeder Situation meines Lebens. Und wenn sie noch so bescheiden ist, es ist immer die Möglichkeit, dass ich die Augen hebe und einfach dankbar bin und feiere. Deshalb heißt mein Buch: Auf das Leben. Die großen und kleinen Meilensteine des Lebens feiern. Erscheint Mitte Juni bei Adeo, eine Leseprobe gibt's im Download oben auf der Seite.

Homepage von Tina Tschage

Leseprobe ‚Schön ohne Aber‘

Foto: Ursula Undeutsch https://ursulaundeutsch.de/