Warum hast du keinen Mann und keine Kinder?

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Ich steh vor dem Spiegel und föhne mir die Haare. Dabei fällt mein Blick auf die Farbe – immer mehr Haare sind grau geworden. Daran erkennt man das Alter, denke ich mir. Bei anderen wird einem das Alter an den Kindern bewusst, wie sie groß werden, sich weiterentwickeln und verändern und schließlich erwachsen sind.

Unwillkürlich muss ich an meine Großnichte denken. Oder sollte man Kleinnichte sagen? Sie ist die Tochter meiner Nichte und wird dieses Jahr vier Jahre alt. Ein tolles Mädchen, und es ist wunderbar, wie die Eltern das hinkriegen, mit ihr umzugehen.

Und was habe ich hingekriegt? Beruf, Arbeit und Freundestreffen? Das haben die anderen auch, wenn sie Kinder haben. Ich hätte auch so gerne Kinder, aber durch das lange Single-Sein (und die späte Heirat) ist es leider nicht mehr möglich.

Alle Geschwister meiner Eltern haben Kinder bekommen. Deren Kinder haben auch fast alle Kinder bekommen. Diese haben jetzt auch schon wieder Kinder bekommen, diese Kinder … na, ihr wisst schon. Es scheint das Übliche zu sein, eine Familie zu gründen.

Als meine Nichte, heute Mutter der süßen Vierjährigen, etwa acht Jahre alt war, fragte sie mich eines Tages ganz unschuldig und neugierig: Sonja, warum hast du keinen Mann und keine Kinder? Ja, warum? Die Frage war mir damals unangenehm, schließlich ist es in unserer Familie doch üblich. Ich habe wohl keine besonders schlaue Antwort gegeben, weil ich keine hatte.

Doch eben vor dem Spiegel fiel mir plötzlich die Antwort ein: Es braucht Menschen, die einen anderen Lebensstil haben. Es braucht Frauen, die sich nicht über ihre Kinder oder Männer definieren. Die sagen können, ja, es wäre gut gewesen, doch es gibt nicht nur diesen einzigen Weg von Gott her. Jesus hatte keine Kinder und geheiratet hat er nicht. Paulus ebenso wenig. Und meine Patentante auch nicht. Als kinderlose unverheiratete Diakonisse ist sie einer der fröhlichsten Menschen, die ich kenne. Das wiederum war mir als Kind schon aufgefallen. Ich fand es super, dass es auch noch etwas anderes gibt als das übliche Familienmodell.

Also kann ich meiner Nichte nach 22 Jahren endlich eine Antwort geben. Mal sehen, welche Erkenntnis mir beim nächsten Föhnen kommt …

Sonja Kenneweg

Photo: Jurate Cesnaite on Unsplash