Solo aber nicht allein | 7

Kategorie: Community


Coronakrise seit Wochen – mit Veränderungen und auch Einschränkungen, die wir uns nie hätten träumen lassen ... In vielen Punkten darf ich die Entschleunigung, die diese Zeit für mich mit sich bringt, genießen. Doch spüre ich auch wachsende Sehnsucht. Sehnsucht danach, ohne Vermummungsaktion einkaufen oder zum Arzt gehen zu können, Sehnsucht nach mehr Gemeinschaft, einfach so, ohne Abstandsregeln und ohne dabei nur bis zwei oder drei zählen zu dürfen … Sehnsucht danach, die Freundin, mit der ich ab und an mal spazieren gehen kann, zur Begrüßung wie gewohnt in den Arm zu nehmen. Sehnsucht danach, meinen Eltern ohne bedachte Vorsichtsmaßnahmen unbefangen begegnen zu können, Sehnsucht, den Tisch in meiner Wohnung mal wieder mit Freunden zum gemeinsamen Essen oder Kaffeetrinken besetzt zu sehen ...

Krise als Chance ... auch das hört man immer wieder, sogar „Freiheitsentzug als Chance“, wie ein französischer Journalist meinte ... Ist das so?

Im Zuge der Coronakrise habe ich mich wieder an eine Erfahrung erinnert, in der ich das eindrücklich erlebte: Nach dem Studium wohnte ich für einige Zeit in einer christlichen Lebensgemeinschaft mit, die eine Art therapeutische Ausrichtung hatte. In der Anfangszeit war es nicht erlaubt, alleine das Gelände zu verlassen. Dies fiel mir alles andere als leicht! Gott sei Dank war das Gelände aber schön und recht groß. Es gab sogar einen kleinen, bewaldeten Hügel darin. Die umliegenden Wiesen und Wälder luden zum Spaziergang ein und waren wert, entdeckt zu werden. Doch wollte ich nicht nur sehnsüchtig am Zaun stehen und auf das starren, was gerade nicht möglich war. So war ich sehr oft auf diesem kleinen Hügel innerhalb des Geländes und durchkämmte ihn en detail und mit allen Sinnen, entdeckte und lernte jede Ecke bzw. jeden Baum darin kennen. Hätte ich sofort in die Ferne spazieren können, wäre ich vermutlich achtlos an diesem kleinen Hügel vorbeigegangen. So aber war ich „gezwungen“ in die Tiefe zu gehen und dieses Stück Land viel intensiver wahr­zunehmen, ja einzunehmen. Ich durfte es wirklich schätzen lernen. Das wurde mir zu einem Schlüsselerlebnis.

Ja, es ist schön, wichtig und richtig, andere Menschen zu umarmen, Tischgemein­schaft zu haben, Leben zu teilen. Aber wenn es gerade nicht möglich ist, bleibe ich dann bei dem stehen, was ich nicht habe, und sehe auf das, was fehlt, oder mache ich mich auf und grabe tiefer, suche den Schatz? Den Schatz, der da ist, und den zu entdecken sich lohnt.

Es ist Sonntag in der Coronakrise und ja, da ist eine Sehnsucht, wie oben beschrieben, aber da ist noch eine andere Sehnsucht und ein Vertrauen, das wachsen durfte. In der Beschrän­kung liegt eine Chance. Da ist ein Schatz, den es zu suchen und zu entdecken lohnt. Da ist ER.

Ich mache mich auf den Weg durch den Wald ganz bewusst mit IHM. Eine kleine Bibel habe ich dabei und bete an Psalm 16 entlang, lerne ihn inwendig. Auch das ein Schatz – durch die Entschleunigung kann er tiefer sacken, besser wurzeln … Genieße die HERRliche Schöpfung, bewundere verschiedenste wunderschöne Blüten und das ein oder andere kleine Tier, halte manches davon in Fotos fest. Es wird ein sehr langer Spaziergang. Stundenlang bin ich unterwegs. Ich habe Zeit. Bin nicht verabredet oder an Termine gebunden. Ich genieße zutiefst das Sein mit IHM und vor IHM. Einfach so. Eine Beziehung, die mir keiner rauben kann, mit IHM, der keinen Sicherheitsabstand einhält, der Zeit hat und der mir eine Beziehung bietet, die jede Krise, ja sogar die Ewigkeit überdauert.

Später teile ich ein paar Fotos mit meiner Familie. Meine Mutter fragt, ob ich ganz allein unterwegs war. „Nein!“, antworte ich wahrheitsgemäß, „Jesus war dabei!“