Solo aber nicht allein | 6

Kategorie: Community


Gerade sitze ich an meinem Schreibtisch, nachdem ich Berge von Schülerarbeiten aus den vergangenen vier Schulwochen ohne Schüler und Schule korrigiert habe. Morgen werde ich meine Schüler zumindest für einige kostbare Minuten unter Einhaltung der Abstandsregeln kurz in der Schule treffen, um ihnen ihre korrigierten und kommentierten Aufgaben zurückzugeben und Ihnen neue Aufgaben für das Home-Schooling auszuhändigen… Merkwürdige Zeiten für Lehrer und Schüler: Schule auf Distanz – und das mit Erstklässlern, die sich sonst täglich an mich kuscheln oder auf meinem Schoß sitzen.

Kontaktverbot und Distanz wahren ist auch für Singles eine große Herausforderung in dieser Zeit. Neulich erfuhr ich von einer Single-Frau, dass sie seit drei Wochen niemanden berührt hat. Sie litt unter dieser Distanz so sehr, dass sie eine Freundin bei einer Begegnung bat, sie zu segnen. Mit Handschuhen ausgestattet, berührte diese Freundin sie an der Hand und segnete sie. Mich hat das berührt. Wie gut, wenn wir uns trauen, – gerade als Singles – unser Bedürfnis nach Nähe in dieser Zeit zu äußern und – unter Einhaltung der Abstandsregeln – kreative Wege der Begegnung und Berührung zu finden. In dieser Zeit, in der durch vermehrtes Homeoffice viele alltägliche Kontakte entfallen, ist die Gefahr als Single zu vereinsamen und tageweise niemanden zu sehen groß …

Mir wird es in dieser Corona-Zeit neu bewusst, wie wichtig verbindliche Beziehungen für mich als Single sind. Dass ich mich traue, Freunden gegenüber ehrlich zu sein und Bedürfnisse zu äußern. Ich lebe als Single in einer Lebensgemeinschaft mit einer Familie in zwei benachbarten Reihenhäusern. Für meine Lebensgemeinschaft bin ich gerade jetzt sehr dankbar, denn sonst wäre es mir ohne Schule und den normalen Alltag manchmal zu einsam. Und tatsächlich sehen wir uns und unternehmen in diesen Tagen häufiger etwas zusammen als sonst: gemeinsame Mahlzeiten, Grillen, Kaffee trinken auch über das tägliche Abendessen hinaus, Fahrradausflüge oder Spaziergänge …

Plötzlich klopft es bei mir, weil jemand aus der Familie nebenan bei mir ungestört arbeiten oder eine Videokonferenz abhalten will. Während mein Alltag zur Zeit deutlich ruhiger, kontaktarmer und entschleunigter ist, pulsiert bei meinen Nachbarn gerade das pralle Leben. Die beiden ältesten Töchter, die eigentlich in Süddeutschland studieren, sind wieder in das heimatliche Nest zurückgekehrt und absolvieren ihr Studium digital aus der Ferne. Die drei jüngsten Kinder müssen zu Hause beschult werden und die Eltern stehen vor der Herausforderung, plötzlich den turbulenten Alltag mit Homeoffice, Schülern und Studenten zu Hause bei begrenztem Platz ganz neu zu bewältigen. Da bleibt den Eltern kaum noch eine ruhige Minute für sich, während meine ruhigen Minuten sich gerade deutlich häufen.

Wie gegensätzlich ist unser gemeinsames Leben gerade einmal mehr! Und umso wichtiger ist es, ehrlich und verbindlich miteinander zu leben: Ich darf ehrlich mein Bedürfnis nach Nähe äußern, wenn mir die Decke auf den Kopf fällt und einen Spieleabend oder Fahrradausflug vorschlagen. Und die Familie darf ehrlich das individuelle Bedürfnis nach einer Auszeit (Distanz) vom Familientrubel äußern und meine ruhigen Räume nebenan nutzen. Nähe und Distanz – eine ganz neue Hausforderung in diesen Corona-Zeiten – nicht nur für Singles!

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