Pandemie auf Peruanisch | Birgit

Adelina (li.) und Birgit (re.) verteilen Lebensmittelspenden in Peru ...

Als am 6. März der erste Corona-Fall in Peru gemeldet wurde, verlängerte ich gerade mein Missionarsvisum in Lima. Am nächsten Tag landete mein Flieger wieder in Cajamarca in den nordperuanischen Anden – unter einem leuchtenden Regenbogen. Zehn Tage später wurde der nationale Ausnahmezustand mit Versammlungsverbot verhängt; die strikte Ausgangs­sper­re endete erst im Oktober. Anfang April konnten gerade noch unsere Volontäre mit humanitären Flügen zurück nach Deutschland; ich entschied zu bleiben und habe das auch nie bereut.

Trotz strengen Lockdowns stand Peru monatelang weltweit an der Spitze, was die Infektions- und Sterbezahlen im Verhältnis zur Einwohnerzahl angeht. Hunderttausende Tagelöhner mussten sich zwischen Hunger und Virusexposition entscheiden, viele verloren ihre Arbeit und bangten um infizierte Angehörige, Schwerkranke starben vor überfüllten Kranken­häusern, Friedhöfe wurden wegen Überfüllung geschlossen.

Hinter den Statistiken steckt persönliches Leid, es verschonte auch uns bekannte Gesichter nicht: So starb Valeriano aus unserer Gemeinde am inhalierten Desinfektionsmittel, mit dem er sich vor der Infektion hatte schützen wollen. Sr. Sandoval, unser Schuster im Viertel, starb infiziert allein in seiner Wohnung, weil die Angehörigen sich nicht hineintrauten und medizi­nische Hilfe nicht kam. Meine peruanische Freundin Adelina verlor Bruder, Onkel und Nichte, infizierte sich selbst mit ihrer Großfamilie und leidet bis heute an Spätfolgen. Was mit am meisten schmerzt: Kranke und Sterbende nicht persönlich begleiten zu können, keine Besuche und Umarmungen, keine Totenwachen und Beerdigungen – und all das in einer so nähebetonten Kultur! Herzzerreißend, als der Leichenwagen durch unsere Straßen fuhr und wir lediglich von Tür oder Balkon aus dem toten Bekannten die letzte Ehre erweisen konnten. Viele peruanische Familien werden dieses Jahr zu Weihnachten leere Plätze zuhause haben; manchmal möchte ich einige Corona-Leugner einladen, sich auf diese Plätze zu setzen …

Und ich als Single allein in meiner schönen Wohnung, seit Mitte März mit kaum Ausgang und ohne Besuch, Körperkontakt, Treffen oder Reisen – (wie) geht das?! Der alte Straßenkehrer Beppo in Michael Endes „Momo“ weiß Rat: „Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen … (Aber) man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken … Man muss immer nur an den nächsten Schritt denken … Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße bewältigt hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste …“. Ersetzt doch einmal Straße durch Pandemie ...

Es trifft zu: Die Konzentration auf die Forderung des Tages und die Menschen hat uns von der uns allen unbekannten „Länge der Straße“ abgelenkt. Die Freude und Überzeugung vom Sinn unseres Tuns in diesem letzten ¾ Jahr waren sicher starke Motivatoren. Aber noch viel mehr, dass wir bei allem Leid immer wieder Gottes Treue, Gnade und Versorgung erfuhren: wir erlebten Heilungswunder, wo bereits aufgegebene Kranke gesund wurden, einer sogar trotz eines falsch injizierten Medikaments! Es kamen und kommen fünfstellige Eurobeträge zusammen, so dass wir seit April alle 3-4 Wochen Lebensmittelpakete und Geld an 60-80 Familien in Not verteilen können. Wurden unsere sonntäglichen Predigten bisher von ca. 350 Leuten gehört, so erreichen wir nun per Internet Tausende im In- und Ausland. Hinterbliebe­ne von Covid-Opfern finden Trost im Evangelium und lernen Jesus persönlich kennen. Unsere Zoom-Frauensportgruppe wurde bi-kontinental, und mein Geburtstag – erstmals ohne anwesende Gäste – so lebendig wie selten: Familientreffen über drei Kontinente, tollem Gemeindefest und Tanz-Choreo­grafie im Hof! Ich kann an deutschen Gemeindetreffen und Seminaren teilnehmen, und hier blüht eine neue „Herzlichkeitskultur“ auf mit Haustür-Stipp­visiten, kleinen Geschenken, Gebetsketten und ggs. Hilfeleistung – aus der Not geboren, aber keineswegs „Notlösungen“.

Wir weinen und lachen gemeinsam am Telefon, sehnen uns alle nach erneuter Gemeinschaft und wollen doch Gottes Lektionen in dem Ganzen lernen. Lasst uns das Danken nicht verlernen und gerade in dieser Zeit die Ankunft Jesu feiern – der dafür keinen Corona-Test oder Quarantäne durchlaufen muss. ¡FELÍZ NAVIDAD!

Foto: privat