Fachtag über Singles in der Kirche | Patricia

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Podiumsrunde beim Fachtag (von li. nach re ): Dr. Barbara Pühl (Stabsstelle Chancengerechtigkeit ELKB), Thomas Müller (Leitungsteam Solo&Co), Dorothea Richter (Dekanin Kronach), Rieke Harmsen, (Chefredakteurin Online EPV), Dr. Hedwig Lamberty (Single-Pastoral Erzbistum Köln), Anna-Nicole Heinrich (Ev. Jugend in Bayern), Thomas Prieto-Peral (Kirchliche Planungsfragen ELKB)

Das Ergebnis eines Fachtages im Amt für Gemeindedienst der bayerischen evangelischen Landes­kirche (ELKB) in Nürnberg lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Kirchen sollten Singles stärker in den Blick nehmen. Denn „Singles sind in einem toten Winkel der Gemeinde“, so Pfarrer Günter Kusch vom Forum Männer der Landeskirche. „Singles kommen in Kirche einfach nicht vor“, konstatierte auch die katholische Diözesanreferentin Dr.Hedwig Lamberty. Sie leitet die bundesweit erste Stelle für „Single-Pastoral“ in der katholischen Kirche in Köln. „Singles wollen wertgeschätzt und gesehen werden", bekräftigte Lamberty.

Dies Vorhaben ist so einfach nicht. Denn Single ist nicht gleich Single, das machte schon das Eingangsreferat des Soziologen Stephan Baas klar. Es ist ein Unterschied, ob Alleinlebende noch nie in Partnerschaft waren oder erst seit kurzem, ob sie verwitwet oder geschieden sind, Familie haben oder nicht, bewusst oder unfreiwillig ohne Partner leben, noch jung sind oder jenseits der Lebensmitte. Auch die Zahl der Alleinlebenden sei ungewiss. Klar ist, dass die Zahl der Ein-Personen-Haushalte, die das Statistische Bundesamt regelmäßig erhebt, nicht wirklich weiterhilft.

Stephan Baasversuchte eine Definition: „Singles sind Männer und Frauen, die nach eigenen Angaben keine feste Partnerschaft führen“. Schätzungen zufolge trifft das auf 16-18 Millionen Menschen zu. Er unterschied vier Phasen bzw. Gruppen bei Singles: die unter 30, die im mittleren Lebensalter, die im höheren Erwachsenen-Alter und alleinlebende Senioren. Am meisten Unterstützung benötige die Gruppe der alleinerziehenden Frauen, so Baas. Für diese führe das Leben mit Kindern, aber ohne Partner häufig in Armut. Zunehmenden Unterstützungsbedarf sah Baas auch bei den älter werdenden Singles mit dann kleiner werdenden sozialen Netzwerken. Singlesein sei meist eine Phase im Leben, denn drei von vier Menschen heiraten im Lauf ihres Lebens.

Im Großen und Ganzen kämen Frauen mit dem Alleinleben besser zurecht als Männer, weil die Trennung häufiger von ihnen ausgeht, weil sie Freundschaften und soziale Netzwerke besser pflegten, konstatierte Baas. Ein großer Teil der alleinlebenden Männer empfinde das Single-Sein als Defizit. Baas widersprach der These, dass die Gesellschaft „versingele“. Die Menschen könnten aber in Zukunft immer häufiger „Lebensphasen ohne Partnerschaft" erleben. Ein Grund hierfür sei auch, dass sich inzwischen häufiger Frauen nach 30 oder 40 Ehejahren von ihren Männern trennten. Auch gebe es eine gesellschaftliche „Gemengelage, die Frauen von Partnerschaften abhalten“.

Anna-Nicole Heinrich, Jugend-Delegierte der EKD-Synode, forderte, „bei den Singles zwischen Alter und Lebenssituation zu unterscheiden“ und sah in ihrem eigenen (studentischen) Lebens- und Freundeskreis keinerlei Vorbehalte gegen Singles oder gar Scham.

Der Planungsreferent der bayerischen Landeskirche, Thomas Prieto-Peral, ordnete die Bedürfnisse der Singles innerhalb der kirchlichen Gruppen ein, die man besser kennenlernen müsse. Hierfür müsse das Gespräch gesucht werden. Unabhängig davon könne und müsse jede Gemeinde dafür sorgen, Singles willkommen zu heißen. Im Übrigen wandte er sich aus theologischer Sicht gegen eine Zielgruppenansprache: Singles sind Teil der Communio, der Gemeinschaft.

Andrea König vom Forum Frauen im Amt für Gemeindedienst forderte: „Wir müssen die Akteure sensibilisieren und mehr Bewusstsein für das Thema wecken“. Sie wollte den Geschlechterblick gestärkt sehen, plädierte für eine andere und einladendere Sprache.

Die Kronacher Dekanin Dorothea Richter erklärte, im lutherischen Verständnis seien Gemeinden eine „geschwisterliche Gemeinschaft“. Gleichwohl müssten sie schauen, wie einladend sie seien. Es dürfe nicht sein, dass Singles das Gefühl bekämen, sie seien Menschen zweiter Klasse. Spürbar sei das Stadt-Land-Gefälle. Früher habe sie noch Fürbitten gehört: … und hilf auch den Alleinstehenden. Gut, dass das nicht mehr stattfindet“.

Kirchenrätin und Pfarrerin Barbara Pühl, die das Referat Chancengerechtigkeit in der bayerischen Landeskirche verantwortet und dafür einen Index für die Gemeinden entwickelt, räumte ein, dass die Alleinlebenden bislang einen „blinden Fleck“ dargestellt hätten. Sie zeigte sich entschlossen, die sich kreuzenden Dimensionen Lebensphase, Lebensform und Bedürfnisse der Singles künftig stärker in den Blick zu nehmen. Der Index könne Gemeinden vor Ort als Richtlinie und Wegweiser für die Arbeit dienen.

Katholikin Dr.Hedwig Lamberty berichtete, welche geradezu überwältigende Resonanz die Mittagsandachten für Singles beim Kirchentag gefunden hätten. Die Zahl der Singles wachse, ist ihr Eindruck. Sie setzt in ihrem Referat kontinuierlich Impulse in die Gremien und Gemeinden hinein, um die Wahrnehmung der Singles vorwärts zu bringen und betont die ökumenische Ausrichtung aller Anstrengungen. „Das Thema muss auf die Agenda“. Im übrigen versprach sie, in der neuen Gebetsapp „Gott offen“ des Bistums auch Gebete von und für Singles einzubringen.

Johanna Weddigen, mit der Single-Studie der CVJM-Hochschule befasst, trug auf Nachfrage als ein Ergebnis der Single-Studie vor, dass die Lebenszufriedenheit der Singles von deren Einbindung in die Gemeinde abhinge.

Beim Schlußwort erinnerte Dekanin Dorothea Richter an den Bibeltext, den die Perikopenordnung für den nächsten Tag, den Sonntag,  vorsah und der die Familienzugehörigkeit neu fasst: Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.(Mk 3,31-35, LUT) „In der geschwisterlichen Gemeinschaft haben alle ihren Platz, auch Singles“.

An diesem Tag wurden ein paar Ideen für neue Veranstaltungsformate genannt: ein Freunde-Speed-Dating,  ein regelmäßiges Cafe-Angebot am Sonntagnachmittag, ein Ernte-Rente-Gottesdienst, ein Tauffest für Alleinerziehende, ein Newcomer-Treff. Dabei wurde freilich auch betont, dass Singles nicht gern zu Veranstaltungen gehen, die sich explizit an Singles wenden – sie wollen vielmehr Menschen aus verschiedenen Lebenszusam­menhängen kennenlernen. Deshalb braucht es Veranstaltungs­formate, die offen und durchlässig sind.

Foto: Solo&Co