Eine einmalige Gemeinschaft?

Kategorie: Community


Sie treffen an diesem Abend aufeinander, weil Manuel sie eingeladen hat. Der rundliche Mittvier­ziger lebt schon lange allein – halb bewusst, halb unfreiwillig – und ist’s leid, immer nur für sich zu essen. Ein Fondue mit Brühe traut er sich zu, zwei Töpfe mit Rechaud hatte er über nebenan.de ausleihen können. Und während man gemein­sam im Topf nach dem Hühner-Bröckchen oder Brokkoli-Röschen fischte, würden Gesprächs­pausen nicht so auffallen, hofft er. Außerdem fände beim Fondue jeder Diätler etwas Essbares für sich.

Also hatte er seinen Mut zusammengenommen und zwei Nachbarinnen aus dem Haus eingeladen, mit denen er bislang nur auf einem freundlichen Guten-Tag-und-guten-Weg-Level verkehrte. Die Minen verrieten Überraschung, aber sie sagen zu. Ebenso eine jüngere Kollegin und ein ihm sympathischer Sport­kamerad im Rentenalter, mit dem er bislang nie mehr als zwei, drei Sätze in der Umkleide gewechselt hatte, sowie ein jüngerer Mann aus dem Dunstkreis seiner Gemeinde, den er bislang auch immer nur allein gesehen hatte.

Diese bunte Truppe nimmt an jenem Samstagabend im November um seinen Esstisch Platz. Während alle geduldig aufs Heißwerden der Brühe warten, stellt Manuel die Gäste mit Namen und Anlass des Kennenlernens vor. Und fügt bei jedem ein freundliches Wort seiner Wertschätzung an. Damit sind erste Anknüpfungspunkte geliefert, die Unter­haltung springt hin und her, Gemeinsames zeigt sich. Da ist die alleinerziehende Kollegin, deren Sohn an diesem Wochenende bei seinem Vater ist, und die gerne mal einen Ausflug machen würde, aber sich allein nicht aufraffen kann. Mach‘ ich gern mal mit, sagt der junge Mann. Die eine Nachbarin heimst Bewunderung für ihre Agilität mit 93 Jahren ein und bekennt, dass sie sich vor den Feiertagen fürchtet, wenn alle irgendwohin gehen. Hast du keine Familie? Die andere, Eventmanagerin und zwei Generationen jünger, trinkt das Bier lieber aus der Flasche und ist froh, keinen Beziehungsstress mehr zu haben. Wo arbeitest du? Wie bist du Eventmanagerin geworden? Wie motivierst du dich dreimal die Woche zum Fitness-Kurs? Was ist denn ein Alpha-Kurs? In der Küche wird es bald mollig warm. Feuer – und sei es aus dem Brenner – schmilzt das anfängliche Fremdeln weg.

Manchmal stockt das Gespräch etwas. Wer kennt das nicht: Es gibt unzählige Themen, über die man reden könnte, man müsste nur gerade darauf kommen. Damit ihn das nicht stresst, hat sich Manuel vorab aus der Talk Box (siehe Tipp) von Fragen inspirieren lassen: Das Komplizierteste, was ich mal selber gekocht habe?, eine Reise, die ich nie vergessen werde?, eine echte Heldin ist für mich ...  So geht es vom Kochen, andere Länder und ihre Sitten, die Herausforderungen nachhaltiger Lebensführung bis hin zum Versagen der Klimapolitik. Es wird viel gelacht. Es ist nie verkrampft. Die Unterschiede im Alter, der Berufs- und Lebenser­fahrung erweisen sich als belebend.

Die ältere Nachbarin hatte angekündigt, nicht so lange bleiben zu wollen wegen der Nachtruhe, die sie einfach brauche. Um kurz vor halb elf sitzt sie immer noch stillvergnügt da. Als die erste wegen ihres Busses aufbricht, verabschieden sich auch die anderen. Nach vier Stunden sind alle satt nicht nur vom Essen, sondern auch vom Gefühl, einer Gemein­schaft angehört zu haben, die es sonst nicht gegeben hätte. Was für’n netter Abend. Das müssen wir mal wieder machen, heißt es beim Abschied. Es tut gut, sich aus der Komfort­zone zu bewegen und auf andere zuzugehen, findet Manuel.

Am 15. Februar 2020 ist Gelegenheit dazu: am Ehrentag der Singles. Auch ein Samstag. Manuel würde gern mal hören: Ich bin froh und dankbar, dass du zu meinem Leben gehörst. Du auch? Infos und Ideen dazu: soloundco.net/dinner

Tipp: Claudia Filker und Hanna Schott: Talk-Box Vol. 15 – mehr als Small-Talk. 120 Impulse für richtig gute Gespräche. Neukirchener Verlag. 12,69 Euro.