Das Geheimnis von Gemeinschaft | Astrid

Kategorie: Compass


Das Fest in Visselhövede zum Zehnjährigen hat mich darüber nachdenken lassen, was das Geheimnis dieser Gemeinschaft ist? Ich glaube, das hat was mit Gerda St. zu tun. Sie ist die „Visionärin“, aber gar nicht so, wie man sich (oder ich mir) eine Visionärin oder Anführerin vorstellt. Nein, sie ist ganz anders. Eher im Hintergrund zu finden, still, keine Wortführerin, kein Bühnentyp. Das macht mir Hoffnung. Es braucht nicht die „tollen Typen“, die großen „Leuchtgestalten“, die alles hinkriegen, die typischen Anführer und Leiter. Nein, die Vision im Herzen einer ganz normalen, introvertierten, stetig-gewissenhaften Frau, die entschlossen den Willen Gottes sucht und sich dem hingibt, reicht offensichtlich aus.

Gerda St. trug vor Jahren den Wunsch im Herzen, mit anderen zusammen in einer Lebens- und Dienstgemeinschaft zu leben. Sie wusste, dass solch eine Gemeinschaft große Kraft freisetzen und die Welt verändern kann. „Sucht der Stadt Bestes“ (Jer. 29, 7) war ihr Leitwort, das sich die Geschwister in der Gemeinschaft angeeignet und von Anfang an umgesetzt haben. Jeder, der in den vergangenen Jahren zur Gemeinschaft dazugekommen ist, wurde gefragt, ob er oder sie bereit ist, sich dafür einzubringen, dass andere durch diese Gemeinschaft beschenkt und gesegnet werden.

Also, da war eine Vision, ein Bibelwort und da waren Gehorsam und Treue. Gerda ist zäh drange­blieben. Sie hat Treue bewiesen und war durch nichts davon abzubringen, dem Willen Gottes auf der Spur zu sein. Auf verschiedenen Wegen sind Mitbewohner zu ihr gestoßen, die gemeinsam drangeblieben sind – auch gegen Widerstände. Über Jahre haben sie umgebaut und auf einer Baustelle gelebt. Wenn ich mal wieder zu Besuch war, habe ich dies Durchhaltevermögen bewundert. Das hätten viele, die sich Gemeinschaft wünschen, nicht durchgestanden.

Wenn wir von Gemeinschaft träumen, welche Fragen und Motive leiten uns dann? Dass es uns besser geht, unsere Sehnsucht und unser Wunsch nach Gemeinschaft erfüllt werden? Wie wäre es, wenn wir das verändern und als Ziel vor Augen haben, dass es „Gott besser geht“. Wissen wir etwas vom tiefen Wunsch Gottes‘ nach Gemeinschaft? Es ist ihm ein Herzensanliegen und eine große Freude, wenn wir seinem Wunsch endlich nachgehen und ihn erfüllen.

Gerda und ihre Weggefährten haben mehr nach den Wünschen Gottes und seiner Sehnsucht gefragt als nach der eigenen. Nun könnte man denken: „Oh, die Armen, die haben sich ja ganz kaputt gemacht … so kann man doch nicht leben.“ Doch kann man! Wenn ich in Visselhövede bin, dann sehe ich, wie wirklich wird, was Jesus gesagt hat: „Denn wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird's finden.“  (Matth. 16,24-26, Lutherbibel  2017) Sie folgen Jesus nach und leben miteinander in großer Freiheit. Hier liegt ein großes Geheimnis jeder gelingenden Gemeinschaft.

Und noch was: Die Gemeinschaft in Visselhövede lebt aus einem großen geistlichen Realismus! Ich gehöre nicht zu den Menschen, die hinter jedem Busch einen Dämon sehen oder dem Teufel gar so viel Beachtung schenken. Aber ich weiß, dass Gemeinschaften dem Teufel ein Dorn im Auge sind. Sie sind Kraftorte, und die will er, wenn irgend möglich, zerstören.

Wie dumm oder naiv sind wir, wenn  wir eine Gemeinschaft kampflos aufgeben. Wenn es schwierig wird, dann hat es eben nicht gepasst, dann waren wir zu verschieden oder es ist einfach zu anstren­gend. Hier brauchen wir einen ganz anderen Blick, damit wir uns zusammentun und den Absichten des Feindes, der uns auseinanderbringen will, entschlossen entgegentreten. Ich habe mal im Blick auf Eheprobleme den Satz gehört: „Denkt dran, der Feind ist nie der andere. Der Feind ist immer _der_ Feind!“ (Lies mal 1. Petrus 5,5-8)

Ja, diese Perspektiven brauchen wir, damit wir uns nicht gegenseitig bekämpfen und dann irgend­wann frustriert aufgeben und auseinandergehen. Wir wollen doch den Sieg behalten, den Jesus schon errungen hat.

Und zum Schluss noch eines: Von Anfang an war die Gemeinschaft in Visselhövede achtsam mit sich selbst und den Prozessen, die in jeder Gemeinschaft ablaufen. Sie haben Begleitung von außen, nicht nur im Krisenfall, sondern regelmäßig. Das ist so gut und sinnvoll. Wir bringen ja auch Autos zur Durchsicht, bevor was kaputt ist. Bei den zerbrochenen Gemeinschaften denke ich oft, dass das einer der Gründe für das Zerbrechen war. Es fehlte die regelmäßige „Inspektion“, der gemeinsame Blick auf das Geschehen in der Gemeinschaft, gemeinsame Wahrnehmung und achtsame Fragen. Das brauchen Beziehungen und Gemeinschaften – sehr! Vermutlich viel mehr als wir ahnen.

Das Geheimnis ganz kurz zusammengefasst: Vision, Gehorsam, Treue, Geduld, Hingabe, Freiheit, Realismus, Begleitung.

Bild von Jonny Lindner auf Pixabay