Zum Hauptinhalt springen

Kehrtwende: Stille Nacht oder öffentliches Happening

Ein Weihnachtsthema jetzt noch im Januar-Newsletter? Vielleicht gerade da, denn unsere Erinnerungen an die Festtage und die begleitenden Gefühle sind noch frisch…

Als ledige Missionarin, seit 22 Jahren in Peru, feiere ich den Heiligabend gerne mit anderen gemeinsam und kreativ. Erstens finde ich, dass es sich in Gemeinschaft besser feiert; zweitens läuft hier in der einheimischen Kollektivkultur sowieso vieles „en masse“ ab, und nach zwei heftigen Pandemiejahren mit strengen sozialen Restriktionen können wir ENDLICH wieder im Präsenzmodus feiern! Sehr gerne dachte ich – und dann kam doch manches anders…

Ich hatte drei Bekannte (plus zwei Unbekannte) eingeladen, die sich am Ende – nicht atypisch für hier – doch anders entschieden. Dann hatte ich mich gefreut, wie früher schon in der netten 3-Generationen-Familie meiner peruanischen Freundin mitfeiern zu können. Aber auf einmal gab es da großfamilieninterne Konflikte, der Haussegen hing schief, und wenige Tage vor dem Fest spitzte sich eine Ehekrise zu. Da gebietet es die einheimische Schamkultur, taktvoll das Feld zu räumen und lieber für die Betroffenen zu beten.

Aber: Heiligabend nun doch allein?! Da musste ich erst einmal kräftig schlucken, denn ich hatte mich wirklich auf Gemeinschaft gefreut. Und dachte leicht schmunzelnd auch an Solo&Co und die jährliche Ermutigung, initiativ und beizeiten die Weichen für eine gemeinsame Feier zu stellen. Hm, das hatte ich ja nun fröhlich probiert, zumal ich wenig Talent zum „Mauerblümchen“ habe.

Kurz war ich versucht, alle Hebel in Bewegung zu setzen, noch eine andere Familie zu bitten, mich an Heiligabend zu „adoptieren“, und vermutlich hätte ich damit sogar Erfolg gehabt. Aber dann keimte auf einmal in mir die Frage auf, ob ich das überhaupt um jeden Preis wollte, wo ich doch auch stilles Innehalten schätze und hiesige Feiern oft quirlig, laut und geschäftig ablaufen. Eine „Unterhaltung“ mit Jesus darüber war erhellend.

Mir fiel neu auf, dass die Bibel bezüglich seiner Geburt auch beide Komponenten beschreibt: die laute, spektakuläre, als der Engelchor das Ereignis von internationaler Reichweite (mitten in den Reiseunruhen der Volkszählung!) bekannt gab, was vermutlich neben Hirten und Weisen noch andere auf der „Neugeborenen-Station“ erscheinen ließ. Zugleich aber auch die tief eindrückliche, meditative Komponente, die die schwangere Maria zu einer dreimonatigen Berg-Auszeit bei ihrer Verwandten Elisabeth (Luk. 1:39-40, 56) und zur Komposition eines sehr persönlichen Lobliedes (Lu. 1:46-55) inspirierte. Und inmitten des Geburtsrummels beschreibt Lukas: „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“(Lu. 2:19).

Auf einmal bekam ich Lust auf meditative Zweisamkeit mit Jesus und landete bei einem aktiven „ja“ zu einer diesmal „Stillen Nacht“. Dazu fiel mir Dietrich Bonhoeffers kluge Mahnung in seinem Buch „Gemeinsames Leben“ ein: „Wer nicht allein sein kann, der hüte sich vor der Gemeinschaft. Und wer nicht in der Gemeinschaft steht, der hüte sich vor dem Alleinsein.“

Ich möchte mich in beidem üben. Und in wieviel guter Gemeinschaft ich stehe, das erlebte ich bei unserer fröhlichen Hauskreis-Weihnachtsfeier vor Heilig Abend bei einer Dankfeier mit rund 40 Leitern unserer Gemeinde und als fulminantes Finale bei unserem schönen, fast vierstündigen Weihnachtsgottesdienst am 25. mit 250 Teilnehmenden.

Mein ganz persönlicher „heiliger“ Abend mit Hausmusik, Ruhe zum Beten, leckerem Essen und berührenden Dankmails einiger meiner geistlichen Kinder bildete da einen wohltuenden Kontrast, um den mich später einige sogar beneideten. Vielleicht war mein – durchaus umkämpftes, aber am Ende klares – „ja“ dazu der Schlüssel. Aber so, wie ich mich kenne, werde ich in zwölf Monaten wohl auch gerne wieder einen gemeinsamen Heiligabend planen…

Birgit Ufermann, Peru