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Selig sind die Überflüssigen…

„Selig“, das bezeichnet ein starkes Glücks- oder Hochgefühl, „überflüssig“ meint unnötig, nicht mehr gebraucht, verzichtbar. „Passt das zusammen?“, fragt Birgit Ufermann.

Wie bitte?!! Das ist doch wohl nicht dein Ernst! Es kämpfen doch schon genug Singles mit dem Gefühl, inmitten von Familien und Paaren überflüssig zu sein, fünftes Rad am Wagen oder drittes Rad am Fahrrad… Und jetzt soll ausgerechnet das „Überflüssig-Sein“ auch noch SELIG machen?

Um Entrüstungsstürmen vorzubeugen: Ich selbst bin „klassische“ Single, lebe und arbeite seit 22 Jahren als deutsche Missionarin in den peruanischen Anden, erst elf Jahre im Süden und nun seit fast zehn Jahren im Norden. Als Mitglied des Leitungsteams unserer peruanischen Gemeinde „Centro Bíblico Cajamarca“ liegen meine Arbeitsschwerpunkte u.a. auf Leiter- und Mitarbeiterschulung, Evangelisation und Jüngerschaft sowie Kommunikation und Kontaktpflege.

Und genau auf diese Arbeitsbereiche bezieht sich der Titel, der natürlich nicht in Jesu offiziellen Seligpreisungen im 5. Kapitel des Matthäus-Evangeliums auftaucht. „Selig“, das bezeichnet ein starkes Glücks- oder Hochgefühl, „überflüssig“ meint unnötig, nicht mehr gebraucht, verzichtbar. Passt das zusammen?

Ich erlebe es so, wenn ich mich in Menschen oder Projekte investiere, ihre Entwicklung unterstütze und mich dann – angesichts von Wachstum – Stück für Stück zurücknehmen kann. Bis ich u.U. am Ende wirklich entbehrlich bin, weil die Person reif genug geworden oder ein Projekt zum Selbstläufer geworden ist. Beglückend!! Und manchmal wirklich selig machend, zum einen, weil es meiner Berufung entspricht: „Katalysator sein“ gab mir Gott vor 22 Jahren u.a. als Auftrag für Peru mit auf den Weg. In der Chemie ist ein Katalysator eine Substanz, die Prozesse beschleunigt, ohne selbst darin aufzugehen. Zum anderen funktioniert genauso Multiplikation, weil ich dadurch wieder frei für neue Menschen oder Aufgaben bin. Und nebenbei lehrt es mich Demut und Gottvertrauen.

Mit diesem Arbeitsprinzip stehe ich übrigens auf solidem biblischem Grund: Johannes der Täufer lebte es, als er bzgl. Jesus antwortete: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ (Joh. 3,30). Jesus lebte es bei der Berufung, Schulung und Beauftragung seiner Jünger. Und auch von dem frisch getauften äthiopischen Kämmerer lesen wir, dass er seinem entrückten geistlichen Vater Philippus nicht nachtrauerte, sondern „fröhlich seine Straße zog“. (Apg. 8,39)

 

Ein paar Beispiele aus meinem eigenen Leben

Da bat mich eines Tages eine Familie aus unserer peruanischen Gemeinde, ihnen jemand zu vermitteln, der missionarisch in einem muslimischen Land im 10/40-Fenster arbeitete. Gott hätte ihnen die dafür Fürbitte und finanzielle Unterstützung aufs Herz gelegt. Gesagt, getan – und auch gebetet: seit Jahren unterstützen sie nun eine meiner Missionarskolleginnen auf einem anderen Kontinent. Beide Seiten sind gesegnet, und mir bleibt nur ab und zu die Übersetzung der Rundbriefe ins Spanische. Interkulturelle Bereicherung…

Oder: Die Tochter dieser Familie suchte ein englischsprachiges Gegenüber, um ihre Sprachkenntnisse per Konversation zu verbessern. Mit ein paar Mails war im Pool der Missionarskinder meiner Sendeorganisation eine andere Jugendliche gefunden. Ein paar Gespräche mit beiden Seiten, ein bisschen Starthilfe, und nun vergnügen sich die beiden Teenies allein, tauschen auch über ihr Leben und über Mission aus – und ich bin überflüssig.

Und dann ist da noch die christliche Schule, die unserer peruanischen Gemeinde angeschlossen ist – und das Leiterehepaar einer anderen christlichen Schule, das ich von meiner früheren Arbeit im Süden kannte. Was ist befruchtender als der Austausch zwischen ähnlichen Werken?! Ein paar Gespräche, eine gemeinsame Reise mit unserer Schulleiterin, eine erste persönliche Begegnung, bei der es gleich „funkte“ – und ein weiterer Selbstläufer war geboren, der schon zu viel gegenseitiger Ermutigung, zu Besuchen und gemeinsamen Schulungen geführt hat. Mich brauchen sie dazu nicht mehr…

 

So könnte ich „selig“ weitererzählen: von dem deutsch-peruanischen Unterstützungsprogramm, das seit 2 ½ Jahren ca. 50 bedürftige peruanische Familien mit monatlichen Lebensmittelpaketen versorgt (danke an euch, die ihr daran beteiligt wart oder seid!). Inzwischen führen die peruanischen Mitarbeiterinnen das fast eigenverantwortlich durch, auch, wenn ich gerade in Deutschland bin.

Oder die Übersetzung von gutem Lehrmaterial ins Deutsche oder Spanische, das von da an dann auch in der anderen Kultur genutzt werden kann. Oder Radio-Interviews, Zeitschriftenartikel und Vorträge, die – einmal veröffentlicht – zur Initialzündung für diverse neue Kontakte, Volontärpraktika oder finanzielle Unterstützung geworden sind.

Last not least: die Investition in Glaubenskursschüler, Praktikanten, Jüngerschafts- oder Seminar-Teilnehmer folgt demselben Prinzip, was auch schon Paulus seinem Schüler Timotheus ans Herz legte: „Was Du von mir gelernt hast, das befiehl treuen Menschen an, die tüchtig sind, auch andere zu lehren.“ (2. Timotheus 2, 2).

Eltern investieren nach diesem Prinzip in ihre Kinder und lassen sie irgendwann ziehen. Wir Ledigen dürfen das – gerade auch mit den Freiräumen und der Flexibilität, die uns unser Single-Sein mitunter beschert – in eine Vielzahl von Menschen tun, die Gott uns in den Weg stellt… eine Zeit lang und im Vertrauen auf IHN, nicht in Dauerabhängigkeit von uns. In diesem Sinne:

„Selig sind die Überflüssigen…, denn sie werden ungeahnte Früchte in Gottes Reich sehen.“

Birgit Ufermann, Peru