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NUR EIN RÄDCHEN IM GETRIEBE?

Annemarie Höfflin ging 1987 als Missionarin nach Peru. Oft war sie in Gremien die einzige Frau – und dazu noch ledig. Jetzt naht das Rentenalter...

 

„Als ich vor 35 Jahren zum ersten Mal auf einer Missionsstation in Peru mitarbeitete, fühlte ich mich nur wie ein kleines Rädchen im Getriebe. Ein Jahr vorher half ich im Zentralbüro in Lima in der Koordination von Visa-Anträgen, dem Kauf von Flügen, Einkäufen für den Urwald, Protokollen in den Sitzungen und den Finanzen. Nun auf der Missionsstation erlebte ich, wie ich wieder ein Teil des Ganzen war, während Einheimische mit ihren Familien für einige Monate zur Bibelschule auf die Station kamen oder Missionare sie in ihren Urwalddörfern besuchten.

Mit meinem Beitrag in der Buchhaltung und als Sekretärin im Feldleiterbüro war ich nur ein kleines, aber wichtiges Rädchen in Gottes großem Werk, und ich war glücklich und dankbar, mit dabei zu sein. Oft war ich die einzige Frau in den Leitungsgremien, in die ich mit der Zeit hineingenommen wurde – und dazu noch ledig – aber in all dem fühlte ich mich nicht allein, sondern als Teil eines großen Ganzen, der Arbeit in Gottes Reich und wurde mit der Zeit auch als ledige Frau akzeptiert.

Als ich in die Mission ging, sagte ich: „Wenn Gott will, dass ich heirate, dann wird er mir auch den Mann geben, der mit mir in der Mission arbeitet.“ Als junges Mädchen in Peru war es lästig, wenn die Männer auf der Straße hinter einem her pfiffen. Aber ich konzentrierte mich auf meine Arbeit und die vielfältigen Aufgaben hätte ich als verheiratete Frau nicht tun können.

Mit der Zeit entgegnete ich lästigen Fragen zu meinem Stand: „Um mich zu verheiraten, müsste Gott mir klarmachen, dass dies meine Berufung ist. In Peru wurde und wird noch sehr oft erwartet, dass sich die verheiratete Frau vor allem um den Haushalt kümmert. Ich aber wusste mich von Gott in meine Aufgaben berufen.

Die ledigen Frauen in Peru werden oft in Gesellschaft bloßgestellt mit lästigen Bemerkungen und Fragen oder man versucht sie zu verkuppeln. Nicht selten habe ich in solche Gespräche eingegriffen. Das Selbstbewusstsein der ledigen Frauen ist niedrig. Es scheint, dass viele ihren Selbstwert durch den Ehemann bestimmen. Oft sind sie finanziell von ihm oder den Eltern abhängig und können daher kein selbständiges Leben führen. Was wiederum oft zu Missbrauch, ehelicher Gewalt und Ausnutzen führt. So versuchte ich, wo immer es sich ergab, solchen Frauen in Gesprächen zu helfen.

Heute stehe ich kurz vor meiner Pensionierung und Rückkehr nach Deutschland. Was wird auf mich zukommen? Wie wird es mir in Deutschland ergehen? Hier in Peru fühlte ich mich gebraucht und angenommen. Meine Arbeit mit Gott machte mir Freude. Ich muss allerdings auch gestehen, dass sich meine persönlichen Beziehungen sehr oft rein auf die Arbeit beschränkt haben. Anderseits bin ich froh, dass ich vor zwei Jahren begonnen habe, meine peruanische Nachfolgerin einzuarbeiten. Es erleichtert mich, Verantwortung abzugeben und nur noch als Beraterin tätig zu sein. Anderseits fällt es mir manches Mal jedoch auch schwer, nicht einzugreifen oder zu drängen, sondern zu akzeptieren, dass meine Nachfolgerin ihre eigenen Kriterien anwendet.

Mein Kopf weiß: Der Abstand wird gut sein, Beziehungen und Arbeit hier werden wegfallen oder in weitere Entfernung rücken. In Deutschland wartet mein 91-jähriger Vater auf mich und…? Mein lieber Gottvater weiß es.

Ich bin sicher, ich werde nicht „solo“ sein. Gott wird auch bei all den Veränderungen bei mir sein. Ich werde auch in Deutschland „Solo & Co“ sein, denn sein Reich ist weltweit, nicht nur in Peru oder in Deutschland.

Annemarie Höfflin, Peru