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MIT SINGLES UNTERWEGS IN JAPAN

Marlene Straßburger war seit 1981 im Auftrag der AllianzMission als Missionarin in Japan. Jetzt ist sie in Rente…

Lang ist es her, dass mich das Thema Single in Japan zum ersten Mal wirklich getroffen hat. Mitten in einer Kinderstunde fragt mich eine 10jährige: „Hast du Kinder, bist du verheiratet?“ Nein. „Wie alt bist du?“ 29… „Dann bist du ja ein Ladenhüter!“

Ich traue meinen Ohren nicht, gebe mir Mühe diesen für mich kuriosen Ausdruck nicht zu vergessen und frage im nächsten Hauskreis nach. Betretenes Schweigen und dann die Bestätigung: Ja, so redet man über Frauen in Japan, die mit knapp 30 Jahren noch nicht verheiratet sind. Das ist über 35 Jahre her.

Von Deutschland kannte ich Single-Freizeiten, die Arbeit von EmwAg. Aber ist sowas in Japan möglich? Wie gestaltet sich das Leben von Singles dort? Bald schon merke ich Unterschiede zu Deutschland. Vor allem im christlichen Raum sind Heirat, Kinder, Familie ein großes Thema. Und das bedeutet für manche Frauen enormen Stress. Denn trotz intensivem Gebet gibt es schier unüberwindliche Hürden: In einem Land, indem es noch nicht einmal 1% Christen gibt, sollte der Ehemann ein Christ sein!

Der Stress in der nichtchristlichen Familie und Firma ist sehr hoch, die Wertvorstellungen gehen extrem auseinander. Nur kommen auf acht christliche Frauen nur zwei christliche Männer. Allgemein erwarten zudem die jungen Frauen, dass der zu heiratende Mann beruflich und finanziell höhergestellt ist als sie selbst. Inzwischen gibt es jedoch sehr viel gut ausgebildete Frauen. Ansprüche, Erwartungen und die Wirklichkeit klaffen also auseinander.

Und selbst in der Kleidung spiegelt sich das wider: Die traditionellen Kimonos von Single-Frauen haben längere Ärmel als die von Verheirateten!

Zum Glück hatte ich in unserem Gemeindebund viele gute Kontakte. Pastoren und Mitarbeiter halfen und beteten mit um Möglichkeiten für Singletreffen.

Begonnen hat dann alles in meinem Wohnzimmer. Einmal im Monat kamen sie sonntags abends zum Essen, Klönen, Beten. Über 30 Jahre war es ein Ort zum Austausch, intensivem Gespräch, was oft in der Familie (alleine als Christ) oder auch in der Gemeinde nicht möglich war und bis heute immer noch ist. Da waren sie: Erfolgreiche Frauen mit sehr unterschiedlichen Berufen, frustrierte Frauen, die das Alleinsein kaum ertragen. (Das Foto zeigt ein Treffen in meiner Wohnung in Gifu, Japan)

Und dann hat sich die Möglichkeit ergeben, in unserem Ferienzentrum am Rande der japanischen Alpen jährlich eine Retraite über Silvester zu veranstalten. Hierzu waren auch Männer erlaubt.

Aus verschiedenen Gemeindebünden kamen sie, von Tokio bis Okayama. Daraus sind über 25 Jahre Freundschaften entstanden, die heute dank Social Network weiterleben.

Einander begegnen, Mut machen, sich austauschen, Neues lernen, staunen über Gottes Wort und seine Fürsorge, all das haben wir erlebt. Und hin und wieder die einzigartig großartige Erfahrung, dass obwohl Single und dadurch oft missverstanden und einsam, so wie Corrie ten Boom es ausgedrückt hat: „You may never know that JESUS is all you need, until JESUS is all you have.“

Ich bin sehr froh für die lange Zeit als Single mit Singles unterwegs in Japan gewesen zu sein, vieles gelernt zu haben, Ansprechpartnerin sein zu können und trotz mancher Kultur- und Sprachbarrieren Freunde gewonnen zu haben.

Seit Juli 2020 bin ich zurück in Deutschland als Rentnerin. „Wie geht es mit 66 Jahren weiter?“, werde ich gefragt. „Mir geht es gut, hab inzwischen ne eigene Bleibe in Bacharach am Mittelrhein, und meistens hat mein Auto auch ein Lenkrad, wenn ich die Tür öffne (in Japan fährt man links). Das Eingewöhnen wird wohl noch Jahre dauern. Als Single in Deutschland? Wenn ich dienstlich unterwegs bin, kein Problem, ansonsten passt es nicht so gut. Aber vielleicht liegt das auch an meinem etwas ungewöhnlichen Leben, mit dem kaum jemand was anfangen kann und das ich – hier in Deutschland – so doll vermisse…

Marlene Straßburger, Bacharach