Zum Hauptinhalt springen

In der Heimat und doch fremd?

Auf der Suche nach Zugehörigkeit? Uta Bornschein hat dazu in ihrem Leben einiges erlebt.

Beim letzten Solo&Co Weltweit-Stammtisch Mitte Januar beschäftigten wir uns mit dem Thema „Zuhause – Was macht es aus, was ist mir dabei wichtig und wie empfinde ich es?“ Ein vielfältiges Thema, wie sich beim Austausch in den Kleingruppen zeigte. Zwischendurch gab uns eine Frau vom Kernteam ausgehend von 1. Petrus 2,11 Gedankenanstöße. Dabei erklärte sie Begriffe aus dem NT, die dem Zuhause entgegenstehen, z.B. griechisch Paroikos. Das Wort bedeutet Fremde, Migranten, Zugereiste, neue Nachbarn ohne Bürgerrechte, Geduldete und hat lt. lexikalischem Sprachschlüssel zum NT vor allem die Rechtsstellung des Betreffenden im Fokus.

Der Begriff Zugereiste ist mir ins Auge gestochen und bewegte mich weiter. Von Beginn meines Lebens an gehörte ich bzw. meine Familie zu den Zugereisten. So wurden damals diejenigen tatsächlich bezeichnet, die von irgendwoher zugezogen waren in die Gegend, in der wir wohnten. Meine Eltern waren 1952 wegen des Arbeitsplatzes meines Vaters in ein kleines Dorf in Niederbayern gekommen – als kleine evangelische Familie in einer ausgeprägt katholischen Umgebung – Heimat wie, wo, was? Zudem stammten meine Eltern aus zwei verschiedenen „Kulturen“: Mein Vater aus Thüringen, der damaligen Ostzone, gezeichnet von Erfahrungen an der Kriegsfront und jetzt abgeschnitten von seiner Herkunftsfamilie; meine Mutter aus Baden mit sehr starker Verankerung in ihrer Herkunfts-(Groß-) Familie, aber nun schmerzlich weit weg davon. Da stießen Welten aufeinander trotz Deutsch-Sein und in Deutschland leben seit Generationen. Eine Antwort auf die Frage „Wo kommst du her?“ war und ist für mich nicht einfach. Was oder wo ist meine Heimat? Ja, ich lebte die ersten 19 Jahre meines Lebens in jenem kleinen Dorf an der Isar, etwa auf halbem Weg zwischen München und Bayrischem Wald, aber wir gehörten dort nicht dazu – Heimat? Zuhause?

Die Prägung dieses ANDERS-SEINS ist tief und bleibend, zumal sich das ‚Nicht-dazugehören‘ in späteren Lebenszusammenhängen fortsetzte. Immer wieder erleb(t)e ich, nicht ins Schema anderer zu passen. Wo ist mein Zuhause? Zunächst natürlich meine Wohnung, aber darüber hinaus? Wo und wie kann ich Zugehörigkeit erleben? Zugehörigkeit muss man zugesprochen bekommen, las ich in einem Artikel im „Salzkorn“. In Lukas 17,18 ist von einem Fremdling die Rede, im Griechischen steht ‚allogenes‘, d.h. Fremder, Ausländischer, einer aus einem anderen Volk; man könnte auch sagen anderer Art. In manchen Kontexten, in denen ich mich bewege, komme ich mir so vor, spüre ich das deutlich, zumal als Single in einer ausgeprägt familienorientierten Gemeinde an einem Ort mit teilweise starken „Familienclans“.

Ich als alleinstehende Frau mittendrin und doch irgendwie randständig? Vielleicht ist es gerade dieser Erfahrungshintergrund, der mir hilft, Menschen zu verstehen, die von außen irgendwo dazukommen, die anders sind; oder eben die, die in der Welt unterwegs sind, wie Singles bei Solo&Co weltweit. Für sie ist es u.U. auch nicht einfach, ihr Zuhause klar zu verorten. Für mich passt es gut, dass ich mich bei Solo&Co weltweit engagiere, obwohl ich nie woanders gelebt und gearbeitet habe als in meinem Heimatland Deutschland.

Meine Suche nach Zugehörigkeit geht weiter und ich bin gespannt, wo mich Gott auf dieser Suche hinführen wird. Dabei ist mir Gastfreundschaft wichtig, auch im Blick auf Solo&Co weltweit. Anderen ein Zuhause anbieten, auch in dem Sinn, wie es Ulrich Müller in seinem Buch „Heimat finden, Impulse aus dem Buch Rut“ beschreibt: „Heimat steht für einen Ort der Sicherheit, Vertrautheit und Geborgenheit. Heimat steht für den Ort, wo man hingehört, wo man zur Ruhe kommt.“ J. G. Herder hat gesagt, Heimat sei da, wo man sich nicht erklären müsse. Das ist für mich ganz sicher Gott, bei dem ich mich nicht erklären muss. ER sieht mich und ER bietet mir Heimat im Himmel an und ER bereitet mir eine Wohnung vor bei IHM. Dennoch bleibt in dieser Zeit und Welt die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Verankerung im Hier und Jetzt.

Uta Bornschein, Stuttgart