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Das Öl der Witwe

Andrea Bukowski ist als Missionarin in Japan und Europa tätig - und verwitwet. Wie sie damit klar kommt?

Jörg und ich hatten schon immer die Sehnsucht im Herzen, Gott dorthin zu bringen, wo Neues entstehen soll. Nachdem ich einige Jahre als Missionarin in Südostasien tätig war, hatten wir uns in unserer Gemeinde in Norddeutschland kennen gelernt. So ging einer meiner Herzenswünsche in Erfüllung, gemeinsam mit einem Ehepartner durch‘s Leben mit Gott zu gehen. Wir zogen nach Hamburg, wo Jörg die Kanzlei seines Vaters übernahm. Neben der Berufstätigkeit starteten wir mit einem Gemeindegründungsprojekt durch und waren voller Tatendrang. Doch dann wurde Jörg krank – und ein Jahr später starb er.

Beinahe abrupt veränderte sich mein Leben. Wie sollte es weiter gehen? Ein halbes Jahr gab ich mir Zeit, zur Ruhe zu kommen. Ich hatte den Eindruck in eine neue Stadt ziehen zu sollen, obwohl ich dort niemanden kannte. So siedelte ich wieder in den Süden des Landes – nahe meiner alten Heimat. In dieser Zeit begegnete Gott mir in starker Weise.

Ja mein Mann fehlte mir, die Zeiten des Austausches, des Gebets, des Lachens, des Laufens in der Natur. Und auf Behörden-Papieren las ich immer „VW“ – das Kürzel für „verwitet“, was mir sehr unwirklich vorkam. Soll das mein Familien-Status sein? Ich konnte mich damit nicht anfreunden, denn ich war immer ein Familienmensch. Das Haus meiner Eltern, das Wohnzimmer in meiner früheren WG, die Wohnung mit meinem Ehemann – immer gingen Menschen aus verschiedenen ethnischen Hintergründen ein und aus.

Unser Wohnzimmer war der Ort gewesen für Trainingsabende verschiedener Teams und Hauskirche und, selbstverständlich, für Familienzeiten. Doch: Ich spürte immer in mir die tiefe Gewissheit: Ich definiere mich nicht durch diesen VW-Familien-Status oder durch das, was Menschen meinen, ab wann man „vollständig“ sei.

Ich entdeckte in der Bibel: Ledig oder verwitwet sein, heißt frei sein, aber nicht unvollständig sein. Meine Identität ist durch Christus bestimmt und so bin ich (auch ohne den Partner) in seinen Augen schon vollkommen, wie es Psalm 139 wunderbar beschreibt.

Es brauchte einen Prozess des Jasagens in mir: Zuerst einmal hieß es für mich, nicht Gottes Güte in Frage zu stellen oder gar mit ihm zu hadern, denn ich hatte wunderbare Ehejahre haben dürfen. Denn nicht selten fragten mich Menschen: Andrea, warum lässt Gott das zu?

Oder sie fragten: Warum bist du nicht bitter gegen Gott geworden? Es gab die heißesten Gespräche zu dem Thema, ganz gleich ob mit Gläubigen oder mit Menschen, die sich von Gott entfernt hatten. Meine Antwort ging meist in die Richtung: Nie habe ich Gott so stark als guten Hirten erlebt wie in dieser Zeit. Er ist erfahrbar gerade in den Tälern des Lebens! Wenigstens konnte ich mich auf ihn verlassen und das machte mich unendlich dankbar! Seine Zusagen, Liebe und Fürsorge waren und sind für mich noch immer „handfest“ erlebbar. Ich würde ihm also nicht unterstellen, er hätte mich in Stich gelassen. Im Gegenteil.

Das heißt nicht, dass diese Prozesse immer einfach waren. Doch in der Trauer und in den Herausforderungen das neue Leben zu gestalten, band ich mich fester an Gott. Der „gute Hirte“ ging mit mir durch das „Tal des Todesschattens“ und ich erfuhr: „Ich fürchte kein Unheil, dein Stecken und Stab, d. h. deine Wegweisung und Fürsorge, sie trösten mich“ – wie es Psalm 23 sagt.

Es stimmt! Nie habe ich so sehr seine Nähe und seinen Trost gespürt wie in dieser Zeit! Es war nicht ein einmaliges Erlebnis, es ist eine Beziehung die lebendig ist!

Wir lesen die Psalmen und sehen, wie Leid nicht ausgeschlossen wird und zeitgleich Freude und Dankbarkeit ausgedrückt wird. Am Ende bekommt Gott alles Lob und alle Ehre! Das gefällt mir! Der Blick geht weg von uns, hin zu Gott! Gott sei Dank!

Uns begegnen Leid und Tod, und wir müssen uns damit auseinandersetzen. Aber es gibt darin den Weg des Lebens. Wir sind darauf angewiesen, eng mit Gott verbunden zu bleiben! Er ist nicht der Urheber von Tod und Leid, sonst hätte es Jesus Christus nicht gebraucht! Er hat den Tod bereits besiegt und lebt! Das war es, was mein Mann und ich bekannten und glaubten!

Heute kann ich Menschen „Hoffnung für die Zukunft“ geben und sie inspirieren, ihre großartige Berufung, die sie von Gott bekommen haben, zu entdecken und mit ihm zu leben. Was immer uns im Leben begegnet – gehe mutig und lasse nicht zu, dass die Herausforderungen des Lebens dir das Leben rauben!

Eine meine Bestseller-Ermutigungsgeschichten in der Bibel ist aus 2. Könige 4,1-7: Die Geschichte von Elisa und der bedürftigen Witwe. Der Mann Gottes bittet, sie alle zur Verfügung stehenden Gefäße herbeizuholen. Und dann geschieht das Wunder: Das Öl geht nicht mehr aus. Die Witwe erkennt in ihrem tiefen Kummer ab einem gewissen Punkt, dass sie in Gott keinen Beschränkungen unterliegt, dass seine Hilfsquellen überströmen, weit über das hinaus, was sie bedarf, und dass ihr Glaube sie in lebendige Verbindung mit der Quelle (Christus unsere Hoffnung) bringt.

Heute bin ich Teil eines internationalen Ermutigungsdienstes, reise innerhalb Europas und Asiens und arbeite mit Gebetshäusern, Initiativen, Hilfsorganisationen, Unternehmen und NGOs zusammen, so dass Gottes Visionen durch Menschen hervorkommen können und die gute Nachricht sich verbreitet. Eine meiner Schwerpunkte besteht darin, Leiter und Gründer mit ihren Teams zu stärken durch Coaching, Mentoring und Training.

Andrea Bukowski