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Dann gehe ich alleine los…

Judith Ricken arbeitet seit 2013 mit der Allianz-Mission in Japan. Was erlebt sie, wenn sie alleine unterwegs ist?

„Bist du alleine unterwegs?“ ist oft die erste Frage, die mir gestellt wird, wenn ich in den japanischen Bergen wandere und auf Japaner treffe. „Ja“, antworte ich, was häufig Erstaunen und Bewunderung hervorruft. Als Frau alleine unterwegs sein, das gibt es zwar, aber selten. Als Ausländerin alleine unterwegs zu sein, ist wohl noch überraschender.

Tatsächlich ist die Freizeitgestaltung als Single für mich oft eine Herausforderung. Ich würde natürlich lieber mit Freundinnen wandern gehen, Spiele spielen, mich ins Café setzen und natürlich gibt es das auch. Es gibt aber auch die Tage, an denen keine Zeit hat, weil sie arbeiten oder Freundinnen die keinen Spaß daran haben, zu wandern – und dann gehe ich alleine los! Wie gesagt, anfangs ungern...

Ist es nicht egoistisch alleine wandern zu gehen? „Nein, ist es nicht. Selbst Jesus ging häufig alleine auf einen Berg um zu beten“, kommentierte jemand. Das half mir tatsächlich. Wenn selbst Jesus sich die Freiheit nahm, alleine auf einen Berg zu steigen, kann ich das wohl auch machen. Und tatsächlich komme ich eher mit Gott ins Gespräch, wenn ich alleine unterwegs bin. Überwältigt von der Aussicht und Schönheit der Natur singe ich dann oft „Oh Lord my God, when I in awesome wonder…“ (deutsch: Wie groß bist du) das ich extra zu diesem Zweck auswendig gelernt habe.

Trotzdem fiel es mir anfangs schwer, mich alleine auf den Weg zu machen – bis ich die Alternative betrachtete: Alleine in meiner Wohnung oder alleine unterwegs sein? Dann doch lieber unterwegs. Ich erinnere mich noch gut an den ersten „Ausflug allein“ ich hatte mehrere Freundinnen gefragt, aber keine hatte Zeit. Ich sagte Gott, dass ich ungern alleine diese Wanderung machen würde, spürte aber eine starke Ermutigung mich trotzdem auf den Weg zu machen, es würde gut werden. Mit einem gespannten und halb mulmigen Gefühl machte ich mich auf den Weg, ich wollte zu einem bestimmten Park und es gab nur einen Zug pro Tag, der direkt dort hinfuhr. Was war meine Überraschung groß, als ich nach dem Ausstieg, noch auf dem Bahnsteig auf vier andere Ausländer stieß, die genau die gleiche Wanderung machen wollten wie ich!!! Sie luden mich ein, mit ihnen gemeinsam unterwegs zu sein. Schilder lesen, den richtigen Weg finden, das geht alles besser zusammen. Wir waren überwältigt von der Schönheit (es war gerade Herbstfärbung) und hatten gute Gespräche, anschließend besuchten wir noch ein Onsen (jap. Spa) und fuhren mit dem Zug wieder zurück. Danach habe ich sie jedoch nie wieder gesehen.

Dieses Erlebnis hat mich damals sehr ermutigt und mir gezeigt, dass Gott für mich sorgt. Seitdem ist mir das so oft passiert, dass ich mir inzwischen kaum Sorgen mache, wenn ich alleine aufbreche. Spätestens am Endbahnhof oder der Bushaltestelle treffe ich in der Regel auf andere Wanderer und es ergibt sich eine nette Gemeinschaft. Vermehrt treffe ich auch auf andere Frauen, die ebenfalls alleine unterwegs sind. Ihnen geht es oft ähnlich wie mir. Sie freuen sich über Gemeinschaft aber an dem Tag hatte einfach niemand Zeit, gemeinsam den Ausflug zu machen oder andere interessieren sich einfach nicht so für Berge und Wandern. Vorletzte Woche traf ich an der Bushaltestelle eine Frau, die seltene Bergvögel (Raichou) beobachten wollte und deshalb die Wanderung machte. Auf dem Gipfel schossen wir gemeinsame Fotos und aßen unsere Snacks. Leider haben wir an dem Tag die Raichou nur aus großer Entfernung sehen können – trotzdem war es schön, gemeinsam unterwegs zu sein.